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Gott liebt die unvollkommenen Dinge

Gott liebt die unvollkommenen Dinge

 

Die Farbe des Gewandes des Jüngers, dem Jesus die Füsse wäscht, ist weiss. Weiss bedeutet Freude, Friede, Licht, Vollkommenheit, Unschuld und ist das farbliche Symbol für Christus.

 

Ist dieser Jünger überhaupt eines solchen Gewandes würdig?

 

Einige Stunden später verrät einer der Zwölf den Aufenthaltsort von Jesus. Ein anderer, Petrus, behauptet, Jesus nicht zu kennen. Und die zehn anderen machen sich aus dem Staub.

 

Die Farbe weiss für das Gewand des Jüngers ist dennoch sehr bewusst gewählt. Denn Christus sieht uns Menschen mit anderen Augen.

 

Im Blick darauf bin ich nach wie vor am Lernen, mich und meine Mitmenschen anders sehen zu lernen. Mit den Augen von Christus.

 

Immer wieder nagt die Frage an mir: Genüge ich dem, wer und was ich sein möchte? Und genüge ich meinen Mitmenschen? Immer wieder mache ich die bittere Erfahrung: Ich genüge weder mir noch meinen Mitmenschen.

 

In dieser Erkenntnis fällt mein Blick auf das Weiss des Gewandes des Jüngers, dem Jesus die Füsse wäscht und nicht den Kopf.

 

Es geht um eine erneuerte Seh-Schule im Blick auf die Wahrheit.

 

Was Jesus uns durch sein Verhalten zeigt, ist Gottes Reich. Er lehrt uns die ultimative Perspektive Gottes. Und er lädt uns ein, uns für diesen ganz grossen Rahmen zu öffnen, der unser kleines Blickfeld öffnet oder sogar ganz überwindet.

 

Der bekannte Franziskaner-Mönch und Buchautor Richard Rohr schreibt (Daily Meditations):

 

Das Leben kann nicht auf dem beruhen, was vergeht; es kann sich nicht auf vergänglichen Bildern aufbauen. Stattdessen müssen wir es auf die dauerhafte Wahrheit gründen, auf die Wahrheit dessen, was wir sind, auf die Wahrheit dieser Schöpfung, von der Gott sagt, sie sei «sehr gut» (1. Mose 1,31).

 

Unser Problem scheint darin zu bestehen, dass wir davon überzeugt sind, nicht gut zu sein. Und wir brauchen sehr viel Vertrauen, um Gottes Aussage zu glauben, dass alles, was Gott geschaffen hat, sehr gut ist - auch in seinem unvollkommenen Zustand.

 

Wir scheinen zu glauben, dass nur perfekte Dinge liebenswert sind. Doch die Evangelien sagen ganz klar, dass Gott das Unvollkommene liebt, und das ist wirklich alles! Perfektion ist ausnahmslos unsere eigene, selbstgeschaffene Vorstellung, die größtenteils in unserem eigenen Denken oder durch unsere Kultur erzeugt wird; daher ist sie sowohl wahnhaft und letztlich selbstzerstörerisch als auch ein großer Feind und ein Hindernis für die Liebe zu dem, was direkt vor uns ist.

 

Nur Gott kann den Anspruch auf Vollkommenheit erheben. Dennoch machen wir weiter und verlangen von uns selbst und von der Welt eine von uns gewünschte und erwartete Entsprechung unserer hohen Vorstellungen, auch wenn wir sie selten oder nie erreichen.

 

Diejenigen aber, die nichts zu beweisen oder vorzutäuschen haben, glauben, dass sie so geliebt sind, wie sie sind.

 

Die Wahrheit liegt nicht oben auf der Spitze unseres Strebens, sondern unten in unserem tiefsten Wesen.

 

Die Verkündigung des Reiches Gottes, Gottes Perspektive, ist eine radikale Aussage. Sie hat nichts damit zu tun, perfekt zu sein. Es geht darum, innerhalb des Grossen Rahmens zu leben, des endgültigen und vollständigen Zustands, der dauerhaften Perspektive.

 

Das Evangelium ist vor allem ein Aufruf, anders zu leben, damit das Leben mit anderen geteilt werden kann. Mit anderen Worten: Das Evangelium ruft uns letztlich zu einer Haltung der Einfachheit, der Verletzlichkeit, des Dialogs, der Ohnmacht und der Demut auf.

 

Dies sind die einzigen Tugenden, die Gemeinschaft und Intimität möglich machen.

 

Eigentlich sind die Jünger Jesu – und damit wir alle - nicht tauglich. Und dennoch tauglich. Denn Christus sieht uns mit anderen Augen.

 

In der Ikonografie zeigt es sich eindrücklich: Der Jünger trägt das weisse Kleid. Er hat bereits jetzt in seiner Unvollkommenheit Anteil an der Vollkommenheit. Und Christus trägt das blaue Kleid. Die Farbe blau ist die Farbe der Menschheit, der Unvollkommenheit.

 

Christus steigt hinab in die Tiefen der Menschheit. Er erniedrigt sich, damit wir erhöht werden.

 

Sein Schritt auf uns zu lässt mich in meiner Unvollkommenheit aufatmen.

 

Bild:

Ikone von Ostap Lozinskji, Lemberg (Ukraine). Foto: Thomas Kreis

 

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Oskar Sager (Sonntag, 06 Februar 2022 04:59)

    Lieber max
    Danke vielmals für diesen text der auf dieser mich so berührenden Ikone aufbaut. Eine Ikone die du mir in der mission am nil nahe gebracht hast und in der ich immer wieder Jesus Liebeskraft spüren und erkennen darf.
    Diese unvollkommenheit an und bei mir anzunehmen, diesen Perfektionswahn abzulegen, ist auch für mich so oft eine grosse belastung und herausforderung.
    Danke , Max.