Betrachtung der Ikone "Christus in seiner Majestät"

Tief-, Auf- und Weitblick

Betrachtung der Ikone «Christus in seiner Majestät»

 

Psychohygiene ist angesagt, einmal mehr. Doch es blieb uns keine Atempause. Eigentlich hätten wir die Aufhebung der Covid-19 Massnahmen feiern können. Nun hat uns das erreicht, was wir nicht erwartet haben und in seinem Umfang und seiner Bedeutung für unsere Zukunft nicht fassen können.

 

Ein Krieg in Europa. Der Worst Case ist eingetroffen. Die Schreckensnachrichten und die damit verbundenen Folgen und Flüchtlingsströme erreichen uns Tag für Tag.  Und es löst eine Welle grosser Solidarität durch Kundgebungen uns Hilfsbereitschaft aus. 

 

 

Was ist unsere Perspektive?

 

Ikonen sind Bilder, die uns die uns die Geschehnisse dieser Welt in einem anderen Licht sehen lassen. Sie laden uns ein zum Tief-, Auf- und Weitblick.

 

Ein klassisches Thema in der Ikonenmalerei ist Christus, dargestellt als Pantokrator: Als derjenige, der da war, der da ist und der da kommt.

 

Ulyana Tomkevych wurde 1981 in Lviv, Ukraine, geboren. Sie studierte an der Nationalen Kunstakademie Lemberg in der Abteilung für sakrale Kunst. Ihr Hauptgebiet ist die Ikonographie. Sie hat an mehr als vierzig Kunstprojekten und Gruppenausstellungen in der Ukraine und im Ausland teilgenommen.

 

Sie schreibt zum Verständnis ihrer Arbeit:

 

«Auch wenn ich im Bereich der sakralen Kunst arbeite, spiegelt jedes meiner Gemälde teilweise auch mein Inneres wider. Ein Thema für ein neues Bild zu wählen, bedeutet für mich, nach meinen persönlichen, inneren Fragen, Zweifeln und Emotionen zu suchen. Nur im Prozess des Malens kann ich die Antworten finden. In erster Linie ist es eine Möglichkeit, mit Gott zu kommunizieren, ihn jeden Tag zu erkennen und zu verherrlichen.

 

Ich versuche, die alte Tradition der ukrainischen sakralen Kunst zu pflegen und zu bewahren. So arbeite ich in der Temperatechnik, mit Ei-Emulsion und Pigmenten. Die sakrale Kunst bietet mir eine große Vielfalt an Themen, die tiefe moralische und ethische Fragen der Liebe, des Opfers, des Glaubens und des Zweifels betreffen.»

 

 

In der Ikone «Christus in seiner Majestät» begegnen mir drei Ebenen, wie wir unsere Gegenwart und Zukunft sehen können.

 

Die erste Blickrichtung richtet sich zu dem, was wir alle vor uns sehen:

die Geschehnisse dieser Welt und dieser Zeit

 

 

In der Ikone sehen wir diese Welt in Dunkelheit gehüllt und heftigen Bedrohungen ausgesetzt. Es entspricht dem, was Gott durch seinen Propheten angekündigt hat:

 

«Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.» (Jesaja 60,2)

 

Oder wie es Jesus in seiner apokalyptischen Rede ausdrückt:

«Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen.» (Matthäus 24,6)

 

 

Es gibt eine andere Blickrichtung:

Christus, der All- und Weltenherrscher

 

Die gegenwärtige Situation macht viel mit uns. Es stellt sich die Frage: Wem gehört und wem geben wir die letzte Macht? Lassen wir uns von dem, was gegenwärtig geschieht, so vereinnahmen, dass wir darin hängen bleiben? Oder üben wir diese andere Blickrichtung, zu der uns die Ikone einlädt?

 

Das, was der Prophet Jesaja durch Gott ankündigt hat, ist nicht die ganze Botschaft. Unmittelbar zuvor hören wir:

 

«Mache dich auf, werde Licht!

Denn dein Licht kommt,

und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.»

 

Und nach der Schreckensnachricht folgt nochmals die grosse Zusage:

 

«Aber über dir geht auf der HERR,

und seine Herrlichkeit erscheint über dir.»

 

Dieses «Aber» Gottes will uns begleiten. Unser menschliches Aber relativiert zumeist das zuvor Gesagte. Das göttliche Aber erhöht. Es lässt uns sehen, was wir mit eigenen Augen nicht sehen können und dennoch ist.

 

Es ist die Sicht Gottes auf diese Welt.

 

Zunächst begegnet sie uns im Regenbogen, der sich über die Erde ausspannt. Er erinnert an die Geschichte Noahs und der Sintflut. Und damit an diese Zeit zu Beginn der Menschheitsgeschichte, als Gott sieht, wie die Boshaftigkeit der Menschen überhandnimmt. Er beschliesst, die Menschheit zu vernichten. Doch er tut es nicht endgültig.

 

Es gab damals und es gibt auch heute diese «Gerechten», rechtschaffene Menschen, die sich der Boshaftigkeit entgegensetzen.

 

Mit Noah geht die Menschheitsgeschichte weiter. Am Schluss der Erzählung steht der Regenbogen als Symbol des Friedens und des Bundes Gottes mit dem Menschen. Trotz der Boshaftigkeit gilt künftig:  Gottes Güte und Barmherzigkeit bleiben dennoch bestehen.

 

Die Botschaft des Regenbogens kommt uns in den gegenwärtigen Kundgebungen rund um den Krieg in unzähligen Regenbogen-Fahnen entgegen.

 

Doch noch viel grösser begegnet sie uns in Christus.

 

In ihm zeigt sich Gott in seinem wahren Wesen. Gott kommt zu uns, wird Mensch. Er gibt sich hin bis zum Tod am Kreuz. Er, Christus, der Unschuldige, geht selbst den Weg des ungerechten Leidens. Auf diesem Weg verbindet er sich mit allen, die auch unschuldig leiden in diesem sinnlosen Krieg.

 

Er trägt die Sünde der Welt. Er wird zum Sündenbock für das, was wir verbockt haben.

 

Dieser Tiefpunkte - der tiefste Punkte der Menschheitsgeschichte - wird zum Wendepunkt.

 

Paulus sagt:

 

«Tod, wo ist dein Stachel?

 Hölle, wo ist dein Sieg?

Gott aber sei Dank,

der uns den Sieg gegeben hat.»

(1. Korinther 15, 55.57)

 

In der Fortsetzung zeigt Paulus die Konsequenz für unser Tun in dieser Welt:

 

«Darum, meine lieben Brüder und Schwestern,

seid fest und unerschütterlich

und nehmt immer zu in dem Werk des Herrn,

denn ihr wisst, dass eure Arbeit nicht vergeblich ist in dem Herrn.»

 

Der Aufblick zu Christus, dem Auferstandenen, gibt uns die Kraft, uns durch nichts und niemanden die Hoffnung nehmen zu lassen, trotz aller düsteren Aussichten in der gegenwärtigen Zeit.

 

Wer entsprechend handelt, dem gilt die grosse Zusage in der Bergpredigt:

 

 

«Selig sind, die Frieden stiften,

denn sie werden Gottes Kinder heissen.»

(Matthäus 5,9)

 

Christus ist in der Ikone als König und Weltenrichter dargestellt. Sein Thron ist ein Fels – ein unerschütterlicher Fels, auf den wir bauen können.

 

Viele Darstellungen von sitzenden Königen im Alten Orient zeigen vor dem Thron einen Schemel, auf den der Herrscher seine Füsse stellt. Im Blick auf Christus ist die Erde sein Fussschemel. Was auf der Erde geschieht, ist Christus untergeordnet.

 

Das entspricht der alttestamentlichen Verheissung in Psalm 110:

 

«Der Herr sprach zu meinem Herrn:

Setze dich zu meiner Rechten,

bis ich deine Feinde unter deine Füsse lege.»

(Matthäus 22,44)

 

Die Ikone lädt uns ein, unsere Gegenwart mit anderen Augen sehen zu lernen. Mit Augen, die auf Jesus Christus ausgerichtet sind. Mit Augen und Ohren auf die Botschaft gerichtet, die uns durch das weit geöffnete Buch des Lebens in seiner Hand entgegen kommt:

 

«Ich bin das A und das O,

der Anfang und das Ende,

der ist

und der da war

und der da kommt.»

(Offenbarung 1,4)

 

Und richten wir unsere Augen auch auf die Geste der rechten Hand von Christus. Es ist das Zeichen des Segens.

 

 

Die ultimative Blickrichtung

 

Die Ikone von Ulyana Tomkevych hat noch eine dritte Ebene. Sie kommt uns in der Umfassung entgegen: das Ewige und die Schar der Erlösten.

 

Das Blau steht für den transzendenten Aspekt, die Nähe Gottes. Die Erlösten begegnen uns in den Gesichtern, die rundherum angeordnet sind.

 

Johannes schreibt, was ihm offenbart wird:

 

 

«Tod, wo ist dein Stachel?

 Hölle, wo ist dein Sieg?

Gott aber sei Dank,

der uns den Sieg gegeben hat.»

(1. Korinther 15, 55.57) 

 

 

Meditation als Psychohygiene

Tief-, Auf- und Weitblick

 

Das ist das Gebot der Stunde. Und zu jeder Zeit auf einem Planeten, der ein höchst unruhiger Ort ist, voller Eruptionen. Fokussieren wir uns Tag für Tag neu auf die Mitte: Christus, den HERRN.

 

Die Ikone ist auch eine Meditationsvorlage.

 

Drucke dir diesen Text mit Bild aus. Suche dir einen ruhigen Ort. Lege das Bild vor dich. Zünde eine Kerze an. Setze entspannt hin. Achte einen Moment auf deine Atmung und wie es dir ergeht. Stelle es fest, ohne es zu bewerten.

 

Schaue das Bild an. Wo bleibst du hängen? Weshalb? Lass das weiter auf dich wirken.

Ein anderes Mal kannst du etwas anderem nachgehen. Das Bild und die Botschaft kann sich so immer mehr in dir verankern.

 

 

I.

Ist es die Erde, die dunkel ist und der Himmel über ihr voller finsterer Bewegung?

Ist es die Botschaft:

«Denn siehe, Finsternis bedeckt das Erdreich und Dunkel die Völker.» (Jesaja 60,2)

 

 

«Ihr werdet hören Kriege und Geschrei von Kriegen.» (Matthäus 24,6)

 

Geh weiter zum Zeichen des Regenbogens.

Wenn du ihn siehst, was macht das mit dir? In deinem Körper, in deinen Gedanken? 

 

II.

Ist es Christus, der auf einem Thron als Felsen sitzt?

Sein Gesicht? Seine "Aura" (Heiligenschein)? Sein Blick?

Seine rechte, segnende Hand? Seine linke Hand mit dem Buch?

Seine Fuss auf dem Schemel?

 

Die Botschaft:

«Der Herr sprach zu meinem Herrn:

Setze dich zu meiner Rechten,

bis ich deine Feinde unter deine Füsse lege.»

 

(Matthäus 22,44)

 

«Mache dich auf, werde Licht!

Denn dein Licht kommt,

 

und die Herrlichkeit des HERRN geht auf über dir.»

 

«Ich bin das A und das O,

der Anfang und das Ende,

der ist

und der da war

und der da kommt.»

 

(Offenbarung 1,4)

 

«Selig sind, die Frieden stiften,

denn sie werden Gottes Kinder heissen.»

(Matthäus 5,9)

 

 

III.

Ist es die Ewigkeit, die über und um alles steht: das Letzte, das Endgültige?

 

Die Botschaft:

«Tod, wo ist dein Stachel?

 Hölle, wo ist dein Sieg?

Gott aber sei Dank,

der uns den Sieg gegeben hat.»

 

(1. Korinther 15, 55.57)

 

 

Ist es die Schar der Erlösten?

 

"Danach schaute ich: Und siehe, eine grosse Schar, die niemand zählen konnte, aus jedem Volk, aus allen Stämmen, allen Nationen und Sprachen. Die standen vor dem Thron und vor dem Lamm, bekleidet mit weissen Gewändern und mit Palmzweigen in den Händen.

Und einer der Ältesten ergriff das Wort und sagte zu mir: Die mit den weissen Gewändern da, wer sind sie, und woher sind sie gekommen?

Und ich habe zu ihm gesagt: Mein Herr, du weisst es. Und er sagte zu mir:

 

Das sind die, die aus der grossen Bedrängnis kommen;

sie haben ihre Gewänder gewaschen

und sie weiss gemacht im Blut des Lammes.

Darum sind sie vor dem Thron Gottes

und dienen ihm Tag und Nacht in seinem Tempel,

und der auf dem Thron sitzt, wird über ihnen ein Zelt aufschlagen.

 

Sie werden nicht mehr hungern und nicht mehr dürsten,

und weder die Sonne noch irgendeine Hitze wird auf ihnen lasten.

Denn das Lamm in der Mitte des Thrones wird sie weiden

und wird sie führen zu Quellen lebendigen Wassers,

und Gott wird abwischen jede Träne von ihren Augen."d

(Offenbarung 7)

 

 

Bild

Aus "nova icona", tom 2, Warszawa 2020;

geschenkt von Matheusz Sora, Warszawa, Leiter der polnisch-ukranischen Künstlerinitiative "nova icona"

 

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