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Gedichte aus der Ukraine im Krieg

Gedichte aus der Ukraine

Flammen, Stimmen, Hoffnung: Wenn die Lyrik zu sprechen anfängt, zählt jedes Wort

 

 

Von Viktorija AmelinaDmytro LazutkinSofija LenartovychKateryna KalytkoIryna ShuvalovaOstap SlyvynskyjOlena Stepanenko und Serhij Zhadan

 

DIE ZEIT 29. August 2022

 

Bild: Danylo Movchan, "Fire shots" (Papier und Wasserfarben) © Danylo Movchan

 

Iryna Shuvalova

 

wenn du schläfst

mir wird leichter wenn du schläfst
denn mir scheint wenn du schläfst
kannst du nicht sterben

bist du ihr doch
im Schlaf so viel näher
dieser anderen Welt
wo niemand mehr schießt

umso mehr noch als ich
wenn du schläfst nicht schlafe
in gewisser Weise
also Wache stehe

wenn nicht für dich
(du bist so weit weg)
dann für diesen Tag
dieses Licht

dir sechs Stunden in der Zeit voraus
lasse ich die Morgensonne wie eine Fahne
wehen

über dem Land der Lebenden
über dem Land der Toten

deren Grenzer
haben die Waffen in die Bäume gehängt
sich lässig ins Gras gelegt

diese zwei Länder
haben ihre diplomatischen Beziehungen
noch nicht abgebrochen

(aus dem Zyklus "Kiew – Nanjing")

 

 

Kateryna Kalytko

 

Am Werk auf den Gesichtern
der europäischen Frauen geht die Schwerkraft
bei den Ukrainerinnen besonders bedachtsam vor:

Dich zeichne ich nicht mit Alter,
auch mit schlaflosen Nächten nicht oder Trauer,
dir präge ich Siegel auf,
wie sie die Heiligen noch beschwiegen haben.

Dir verschreibe ich die Feuchte des nächtlichen Bodens,
über den die Armee zu den eigenen Grenzen zieht.

Wie Papier zerreißbar ist deine Haut und ebenso bleich,
die bläuliche Ader links unterm Auge, schwarz geworden zum Winter –
ist jener schwarze Fluss, der aufwallte zwischen den Nächsten.

Wie Öl sich auf Wasser, legt sich Sprache auf Sein.

Hier läuft ein Soldat zu den Kameraden, hält sein Gedärm mit den Händen,
bricht auf die raue Losung der Seinen erst in die Knie.
Hier steht "Erinnerung", ein Wort – allein wer kennt ihn wirklich,
den Rauch in hohen Säulen und seinen Geruch noch verkohltem Fleisch?

Hier wächst durch dich hindurch ein gläserner Baum,
und du verlangst von ihm nur – in die Höhe zu streben.
Doch als der Einschlag das Zwerchfell aufstemmt wie eine Panzerluke,
die Stimmbänder zerreißt und die Kehle zerfetzt,
bleiben nicht Elle und Speiche statt des lebendigen Arms -
dann rafft dein Glasbaum deinen Leib zusammen.

Hier überziehen Salzböden sich mit kristallenen Blüten,
wohl wissend, dass die Sonne wie der Tod schrundige Lippen haben.

Und nicht er sprach damals zu dir, sondern der mittlere der rauen Schmerzen,
das rote Pünktchen im Weiß, ein Vorbote baldigen Blutverlusts.

Spürst du's? Europas blinde Luft befühlt dein neues Gesicht,
bemüht, es zu erkennen

 

 

Serhij Zhadan

 

Wo immer sehr viel genommen wird,
da wird auch etwas gegeben.
Etwas wird auch gegeben, und sei es das jähe Erleben von Abschied. Wie anders
könntest du lernen, wie es ist, wenn der Faden reißt, und das erschütterte Herz
aussetzt inmitten der Zeit?
Schmerz.

Schmerz und Hoffnung lassen dich diese Welt wieder spüren. Sie lassen
dein geronnenes Sein wieder leben und geben ihm Sinn.
Ein Schmerz und eine Hoffnung, wie du sie dir nie hättest träumen lassen,
über die man nicht sprach am häuslichen Esstisch.

Wie anders könntest du die Stimme des Waldes hören,
vom Feuer verängstigt, wer sonst könnte dir
deine Sicht justieren, sie stimmen
wie einen Flügel, damit das Auge nicht fehlt,
wenn sie übers Feld schnürt,
die Zwielichtbestie?

Und hast du schon durchgehalten, ihn durchgestanden,
den irren Balanceakt über den Winter,
Ängste anhäufend wie Bücher
aus einer gut sortierten Bibliothek,
wie kannst du dann jetzt die Schwere
des Zufalls beklagen, der dich
in den kalten Wind der Geschichte stieß?

Wage es nicht,
wage es nicht, da zu klagen,
wo die geschundene Landschaft die Zähne zusammenbeißt
wo Zornverbrannte
und Lichtgerahmte
und Mondlichtzersiebte nicht weinen.

Schmerz und Hoffnung vereinen uns zwischen
den Abgründen in einem dunklen Himmel.
Schmerz und Hoffnung, wie die Lungenflügel einer Ertrinkenden,
aus denen man das grüne Wasser des Tümpels presst
und so das Leben zurückholt.
Schmerz und Hoffnung, wie ein Haus,
wiedererrichtet nach einem Brand.
Nur mitten in diesem Bruch, wenn das Vergangene entschwindet
wie ein Ufer im Dämmer, nur mitten im großen
Leid
gibt sich die Liebe zu dem zu kosten,
was dich diesem Frühling
gemäß sein ließ, so einleuchtend, eindeutig,
gestellt gegen die Sonne,
erhellt im Wind.

Ich sah in den Waggons übernächtigte Frauen nach der unmerklichen Stimme greifen,
als leitete sie wie ein Faden hinaus in den Gang.
Ich sah die Flamme der Kraft über den Männern verlöschen,
Kinder ins Dunkel wie zur Mutter sinken. Und die Hunde verstummen,
als die Sonne untergeht hinter der Stadt.

Doch dieser Sommer wird kommen,
mit der Herrlichkeit des verbrannten Flusses
und den Kerlen auf dem asphaltierten Bolzplatz,
die wie die Buchstaben der Verfassung die Ebenbürtigkeit derer von den Grenzen bezeugen,
die Ebenbürtigkeit und Lauterkeit von Menschen, die von klein auf
gewöhnt sind, sich am groben Asphalt der Höfe die Haut aufzuschürfen,
gewöhnt sind an Schmerz und Hoffnung,
und in die hellen Wunden in ihrem Fleisch
geronnene Julisonne einnähen.

Der Sommer wird kommen,
lass dann die Züge, die zurückkehren in die Stadt
wie die Fischer,
nicht heimkehren ohne Fang,
lass sie in andere Städte unsere Hoffnung tragen
die bitter ist wie der Rauch
wie das Schreiben
bitter ...

5.7.2022

 

 

Ostap Slywynskyj

 

Keine Angst, Krieg wird nicht durch Speichel übertragen,
noch nicht mal durch Blut, eigentlich seltsam.
Es reicht, unsere Kleider zu waschen und an die Luft zu hängen.
Mit uns muss man nicht unbedingt schweigen, wir sind zu
Gesprächen über Musik und Wein, über lange
Abende am Strand in der Lage, sie kränken uns nicht. Schweigen
beschwichtigt nicht, berichtigt nichts, betört nicht.
Ich weiß, was euch Unbehagen bereitet: bei uns war alles
viel zu sehr wie bei euch.
Hey, seht uns doch einfach als eure Aliens aus der Spiegelwelt an.
Eure beschwörenden Schutzformeln
haben wir kyrillisch abgeschrieben, da kehrte alles sich um, darum
haben wir den Teufel beschrien anstatt ihn zu bannen.
Oder hey, wir sind, wie ein paar Halbstarke, mit einem
von euch geborgten Auto irgendwo hingefahren, wohin wir nicht sollten.
Oder so: Wir wollen euch gar nicht weiter nerven.
Wir waschen uns mit Luft aus leeren Hähnen,
trinken den Schatten aus der Flasche. Wir teilen uns
einen schnelllöslichen Traum.
Und am Morgen schreiben wir alles richtig herum, lesen vom Boden
eures großzügigen Hauses jedes Kügelchen Quecksilber auf
– und kehren heim.

 

 

Olena Stepanenko

 

um vier Uhr früh zum Leben erwachen in einem fremden Bett
auf fremden Laken
zwischen fremden Wänden
und begreifen
sogar dieser Körper hier – ist ein fremder
ich kenne ihn nicht

sich im Spiegel inspizieren
die Backen auseinanderziehen, die Brauen hoch –
in etwa bekannte Züge
tief atmen
alles gut
pedantisch die bekannten Plomben studieren
die geschwollenen Lider – Schluss jetzt – nein!
das bin nicht ich
jemand belauert mich da auf Schritt und Tritt
aus den Eiswüsten der ausgebrannten Netzhaut –
los, fehle, du Fremde!
und ich fehle
ab jetzt für immer

ab jetzt für immer –
mich morgens anziehen
den Körper wie einen fremden Mantel
durchtränkt mit Gerüchen nach Holzfeuer
Zigaretten
Leichen
seifen und schrubben
mit einem rasenden Hass

schluchzen und betteln
bitte
nehmt das da von mir …

gebt meinen Körper zurück!
gebt MEIN Leben zurück!

die Namen all derer sagen,
um die ich weine jeden Tag
jede Nacht
und ich kann nicht aufhören

 

 

Viktorija Amelina

 

Luftalarm im ganzen Land
als stellten sie jedes Mal
alle an die Wand
zielen aber nur auf einen
von denen zumeist, die an den Rändern stehen
Heute bist das nicht du, Entwarnung
kannst gehen

5.4.2022, Lwiw

 

 

Dmytro Lazutkin

 

Schule

eine zerbombte Schule
ein Glanzstück russischer Waffentechnik
bloß gut, dass sie die Schüler herausgeholt haben
bevor der Beschuss begann
sonst hätte
keiner hier überlebt
im Kartenzimmer
hängen die Überreste
einer zerrissenen Welt
Lehrbücher liegen ratlos
über den Boden verstreut
antike Klassiker die Rücken versengt
neue Geschichte das Innerste in Fetzen

 

 

Sofija Lenartovych

 

Schlaf

Die Stadt schläft ein.
Die Lichter der Nacht rasen unter den Tragflächen hinweg,
in den Glühwürmchenhäusern wird der Glaube entzündet,
dass die Welt am Morgen eine andere ist,
das Leben neu geboren wird,
was bleibt ihm auch anderes übrig.
Schnee tropft von den Dächern der Plattenbauten
wie meine Schminke nach dem Auftritt,
und durchs Bullauge schaut mein Alltags-Ich.
Ist Schlaf ein kleiner Tod,
treffen die Seelen sich nachts in den Wolken,
erzählen sich, was es Neues gibt,
Krieg, Verluste
und dem Sieg wieder einen Tag näher.
Bekennen diesem ihre Liebe,
nehmen von jenem Abschied für immer.
Wer könnte hier schlafen?
Geäst kitzelt dem Flugzeug den Gaumen,
reckt seine Zungen wie zum Kuss.
Unser Flügel hat eine Seele erfasst
jetzt reitet sie darauf mit.
Mama, bist du's? Ich hab so gewartet, ich hab's gewusst …
Können wir jetzt bitte nie mehr landen?
Am Morgen kehrt ihre Seele nicht in den Körper zurück.

Aus dem Ukrainischen übersetzt von Beatrix Kersten

 

 

Melancholische Lyrik aus der Ukraine.
Melancholie kann auch Positives haben.
Aber diese Lyriken enthalten "Leid, Blut, Träume, Heimkehren, Hoffnungen etc." alle Emotionen, wie man sie kaum besser zu Kriegszeiten in Worte fassen kann.
Auch wenn sie bei "schwerer Lyrik" kaum zu ertragen sind ... muss sie ertragen können.

"Lyrik, Poesie, Literatur"
Gedichte und Tagebücher spiegeln immer Kriege und Kriegserfahrungen.
Danke, dass Sie sie veröffentlicht haben.


Auch sie (die Lyrik) ist immer ein Teil der Geschichte/Historie/Vergangenheit/Zukunft ... um das Leben oder Nicht-Leben in Worte zu fassen, dem Verschmelzen mit der Wahrheit und der Lebenssituation.

 

 

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