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Neue Ikonen aus der Ukraine und Polen - Beitrag der Redaktion von SRF 2 Kultur

 

Neue Ikonen aus der Ukraine und Polen

 

Ungekürzter Beitrag von Dorothee Adrian, Redaktion Religion SRF 2 Kultur

Abdruck mit freundlicher Zustimmung der Redaktorin

 

Olha Kravchenko, Ikonenmalerin aus Lwiw, Ukraine

 

Ich bin die Olha Kravchenko. Ich komme aus der Ukraine, aus der Stadt Lemberg. Vor dem Malen einer Ikone grundiere zunächst das Brett aus Holz, am besten Lindenholz, mache die Farbpigmente der Farben mit Eigelb nach dem Vorbild der alten Meister.

 

Warum wird eure Malerei als „Nowa Ikona“ bezeichnet?

 

Wir kopieren nicht einfach vorhandene Ikonen, sondern malen in unserem eigenen Stil. Die  konkrete Gestaltung ist jeweils abhängig von einem gemeinsamen Thema.

 

In dieser Ikone war es das Gleichnis vom Sämann. Sie entstand 2015 in unserem Workshop für Kunstschaffende in einem kleinen polnischen Dorf. Damals war das Thema „Die Gleichnisse Jesu“. Dazu malten alle etwas in ihrem eigenen Stil, und verwendeten dabei auch Techniken wie die Temperamalerei und Vergoldungen. Ich etwa überdecke zunächst die ganze Fläche, auf der ich male, mit einer kräftigen Farbe und beginne sie allmählich aufzuheben und mit neuen Farben zu bedecken.

 

Und was bedeuten für Sie Ikonen?

 

Wenn ich male, ist das für mich wie ein Gespräch mit Gott, ein Gebet. Also etwas sehr schönes, mit guten Gefühlen verbunden, keine Arbeit, ein angenehmer Prozess, den ich liebe.  

 

Mateusz Sora, Kurator der Künstlerworkshop

 

Was möchten Sie zu dieser Ausstellung sagen? Was bekommt man hier zu sehen?

 

Man kann eine wirkliche lebende Ikonenmalerei sehen. Das sind keine Kopien wie in der byzantinischen und russischen Tradition. Hier sieht man die Arbeiten junger Leute aus Polen und der Ukraine, deren Ikonen ein Zeugnis ihrer eigenen Glaubenserfahrung sind, ein Bekenntnis sozusagen.

 

Sie können nicht einfach etwas kopieren, was damals vor fünf oder sechs Jahrhunderten eine zeitgenössische Malerei war. Sie suchen etwas, was unserer Zeit entspricht. Es ist echter Ausdruck, keine Nachahmung, und dennoch tief in der Tradition verwurzelt. Aber man hier auch Dinge sehen, die untypisch sind für die  sakrale Kunst, mindestens bei uns in Polen und der Ukraine. Es ist wirkliche Kunst, und nicht zu didaktisch. In ihren Arbeit kann man auch  Verzweiflung sehen, Fragen sehen, die ganz normale Leute haben, worüber wir ganz offen sprechen. Das ist etwas sehr Wichtiges.

 

Können Sie da ein Beispiel geben? Wo sehen Sie zum Beispiel Fragen oder Verzweiflung?

 

Wir haben hier auch Ikonen, die ganz abstrakt gestaltet sind. Hier etwa geht es um einen Vers aus Palm 104: „Du bist so herrlich, mein Gott.“ In diesem Kunstwerk sehen wir eine Welt, die vollkommen. Wir verstehen nicht unsere ganze Schöpfung nicht. Hier sehen wir, wie sie tatsächlich ist: Manchmal sehr organisch und schön, manchmal auch nicht, irgendwie gebrochen wie unseres eigenes Ich. Das ist sehr interessant. Es ist. Es ist frisch, ich meine, modern. Ja, es geht um eine Synthese der Tradition und Moderne.

 

Man kann auch sagen, Ja, es ist eine Kunst der unabhängigen Ukraine. Das ist nicht mehr angebunden an Russland, an das Zentrum in Moskau, das sind Westeuropäer, die sind ganz bewusst ihre eigene Tradition auf eine freie Weise pflegen, auch ihren Glauben.

 

Wir sehen es in ganz vielen Beispielen, die nicht einfach nach einem Muster geschaffen sind. Wir erleben eine unglaubliche Vielfältigkeit. Für viele, die zur Ausstellung kommen, wird es eine  Überraschung sein.

 

Für Sie ist es eine Überraschung?

 

Ich hoffe es für andere auch. Wenn manche etwas von Ikonen hören, glauben sie an diese von Nowogorod, oder Pskow. An Griechenland. Es gibt unterschiedliche Traditionen. Hier aber sehen wir, was zeitgemäß ist. Deshalb gehen wir mit solchen Sachen in die Welt gehen. Nur etwas zu kopieren lohnt sich nicht. Für mich lohnt es sich nicht.

 

Sie wollen was Frisches zeigen.

 

Es sind moderne Leute. Künstler, die es schaffen, uns etwas Neues zu zeigen. Dank der Offenheit von Pfarrer Hartmann und der Diakonissen können wir es hier im Gästezentrum sehen. Sie haben uns eingeladen.

 

Seit 15 Jahren treffen wir uns im Künstlerworkshops jeweils für zwei Wochen im September. Das Resultat können Sie hier sehen. Von das Haus von Diakonissen. Es ist möglich. Ja, es ist. Die haben uns eingeladen, weil wir treffen.

 

Diese Ikone (siehe Fotos) beispielsweise ist im Jahre 2019 entstanden. Das Thema des Treffens war die Psalmen. 2021 war es das „Hohelied“. Damals entstand diese Ikone: „Du bist meine Königin“. Sie bringt nach dem Schlaf gerade wieder ihre Haare in Ordnung.

 

Hier etwas au dem Thema von 2018: „Zeit zum Sterben, Zeit zum Leben.“ Wir sehen die Arche Noah, und das Wunder, das nach der Sintflut das Leben weitergeht. Ein wunderschönes Beispiel. Ja, das ist.

 

 

Und aus dem Treffen von 2014 zum Thema der Apokalypse: Da sehen wir im einen Teil das das Paradies und im anderen die Hölle. Dazwischen entsteht eine Spannung, die sich auch in der Farbgebung  Grün und Schwarz zeigt.  

 

Können Sie noch etwas zu sich selbst sagen?

 

Ich heiße Mateusz Sora. Ich vertrete den Verein „Nowa Ikona“, deren Mitglieder Freunde des Dorfes Nowica in Südpolen. Wir haben es vor vielen Jahren gegründet und wir machen unterschiedliche Sachen sind. Unser Verein ist zunächst entstanden, um die Dorfschule zu retten, da die lokale Behörde sie schließen wollte. Fünf Jahre ist es uns gelungen. Aber dann mussten wir es aufgeben, da es nur noch zwei Schüler gab. Wir haben dann entschieden, etwas anderes für das Dorf zu machen, und begannen Theaterfestspiele in diesem Dorf zu organisieren. Und dies mit sehr verschiedenen Leuten, da es im Dorf neben die Polen auch Ukrainer gibt. Diese Einbeziehung der Ukrainer war uns von Anfang an war wichtig. Wenn sie sich am Fest treffen, ist das immer schon. Wir laden Theatergruppen, Musiker und Maler ein, und irgendwann sind auch einige junge Ikonenmaler gekommen. Wir sahen, wie begabt sie sind, wie sie immer mehr da waren, wie sie aufblühen. Was da alles noch kommt, werden wir hoffentlich sehen. Was sie machen, ist interessant und nicht so schematisch wie früher. Sie auch Leute, wegen denen Menschen zu diesen Anlässen kommen.

 

Diese Leute hatten schon früh einen Bezug zu den Ikonen, waren damit aufgewachsen. Es ist eine lange Geschichte. Man kann sagen, in Polen kommt der Osten und Westen zusammen. Es gibt in Polen seit dem Mittelalter auch Ikonen. Wir haben sie in unserem nationalen Heiligtum, der Muttergottes von Tschenstochau. Dort gibt es eine byzantinische Ikone, als Kriegsbeute zu uns gebracht wurde. Seither gibt es auch in anderen Kirchen und in vielen Häusern immer mehr Ikonen.  Das geschah im 16.-18. Jahrhundert, als die Ukraine ein Teil des Königreichs Polen war.

 

So entstanden in diesem Gebiet Ikonen, die für beide Seiten wichtig waren, im Osten und im Westen. Es ist eine gelungene Vereinigung in unserer Kultur, die zugleich die des Osten und des Westens ist. Im 20. Jahrhundert gab es bei uns den grossen Künstler Jerzy Nowosielski. Seine Sakralkunst war ebenfalls eine Synthese der  im sakralen Bereich,  , Kann man schauen, dass auf diesem Gebiet entstehen die Ikonen, Kunst des Ostens und Westens. Er hat aber nicht nur Sakralkunst gemacht, er malte auch Stilleben und Akte.  

 

Viele unserer Ikonenmaler sind von ihm inspiriert. Was Nowosielski tat, ist für sie auch möglich. manche von von diesen, von diesen Maler, die denken nach. Es ist interessant, dass wir immer wieder Leute finden, die Geschichten aus der Bibel malen wollen, was es bei uns seit 1500 so war. Und deswegen haben wir einen Raum gesucht, wo wir uns treffen können und wo sie gemeinsam malen. Danach drucken wir immer wieder Kataloge als Alben der entstandenen Werke.

 

 

Zudem ist es sozusagen auch eine intellektuelle Bewegung, da wir jeweils auch Kunsthistoriker und Theologen einladen, mit denen wir jedes der Treffen vorbereiten. Es gibt immer einige  theologische Texte, die den Künstlern zur Vorbereitung dienen. Zum jeweiligen Thema malen sie die sie dann etwas in aller Freiheit.  

 

 

Max Hartmann

 

Was ist Ihre Faszination für diese Ikonen? Was finden Sie an dieser neuen Interpretation der Ikone bemerkenswert? Und warum wollten Sie das hierherholen?

 

Für mich ist diese neue Kunst der Ikonenmalerei zu etwas geworden, was meine persönliche Spiritualität erweitert und vertieft. Ihre Betrachtung gibt mir eine innere Ruhe, fokussiert mich auf das Wesentliche, spricht mich an, auch wenn ich oft nicht sagen kann, was es alles ist. Immer wieder bleibe ich bei meiner Meditation an etwas anderem hängen, was mir gerade guttut. Im Unterschied dazu ist mir die traditionelle Ikonen zu fremd. Diese freie Art dagegen finde ich wirklich faszinierend. Es ist eine Sprache, die mich mich berührt und immer mehr etwas davon verstehe.

 

Sie haben mir vor der Aufnahme erzählt, das sie in die Ukraine gereist sind, um nach eine Ikone zu suchen, die sie nach Hause nehmen möchten. Warum bedeutet es für Sie viel, dass heute bei Ihnen eine Ikone hängt?

 

Ja, seither begleitet sie mich. Ich kaufte sie in einer Zeit, als ich mich von depressiven Episode erholte. Fast täglich betrachte ich diese Ikone. Sie erinnert mich daran, was mir heilsam erscheint, mir gut tut.

 

Und was ist darauf zu sehen?

 

Wie Jesus gerade seinem Jünger die Füße wäscht. Er sieht ihn mit  sehr liebevollen Augen betrachtet, dient ihm gerade als sein Herr und Meister, lädt ihn einfach ein, seine Liebe bei sich zuzulassen und zu erfahren, wie gut es ihm gut. erleben, was ihm gut gut.

 

Es zeigt mir den Kern des christlichen Glaubens: Vor unserem eigenen Tun steht die Liebe. Wie müssen sie nicht zuerst verdienen. Und wer sich geliebt erfährt, kann selbst etwas davon weitergeben.

 

Gibt es von den Ikonen, die jetzt hier hängen, eine, die sie besonders anspricht?

 

Hier ist eine Ikone von Yaryna Movchan, von der ist drei Werke besitze. Mich gerührt die sehr feine Art, wie Adam dargestellt ist. Adam bedeutet ja übersetzt „der Mensch“. Hier sehen wir Adam als Gottes Schöpfung in seiner Schönheit und Vollkommenheit, die er später verliert. Vom Rand des Bildes her sehe wir Gottes Hand, der sich über den Menschen freut, ihn segnet. Ich kenne Yaryna unterdessen persönlich. Ihre besondere Art der Malerei gefällt mir sehr.

 

 

Möchten Sie noch was sagen zu Ihrer Motivation, dass diese neuen Ikonen jetzt hier zu sehen sind in der Schweiz? Warum war Ihnen das wichtig?

 

Ich habe das Angebot bekommen, nachdem ich zuvor von Matthäus Sora um einen theologischen Text für das nächste Künstlertreffen angefragt wurde. Ich dachte dann, es wäre eine ganz, ganz tolle Chance, das in die Schweiz zu bringen. Es gab schon an vielen Orten, auch im Westen, Ausstellungen mit Werken von „Nowa Ikona“. Aber für die Schweiz ist es das erste Mal, dass wir sie neue Sakralkunst sehen können.

 

Ich kenne mich nicht so gut aus mit Ikonenmalerei, aber ich habe letztes Jahr einen Beitrag gemacht mit zwei Künstlern und Künstlerinnen, die auf Munitionsdeckeln malen. Das haben sie wahrscheinlich auch mitbekommen. Es ist eine nach wie vor traditionelle Ikonenmalerei. Sie schätzen sie es ein?

 

In dieser Weise, wie diese Künstler das getan haben, finde ich das Spannende, weil das so Heilige auf etwas so Unheiligem, Schwierigem wie auf auf dem Holz einer Munitionskiste begegnet. Das ist wirklich spannend.

 

Mir ist aber die „neue Ikone“ näher in ihrer freien Gestaltung als Ausdruck der Gegenwart. Zudem fasziniert, dass sie gerade in der Ukraine entstanden ist. Man kann sogar sagen, Lemberg ist das Epizentrum der freien Kunst der Ikonenmalerei. Die Ikonenkunst war in der Sowjetzeit eine verbotene Kunst. Doch nach der Unabhängigkeit der Ukraine gab es eine junge Generation von Kunstschaffenden, die die alte Tradition belebten, es aber für Menschen unserer Zeit machen wollten. Sie zeigen uns, welches enorme und einmalige Potential in der Sakralkunst heute im östlichen Bereich von Europa vorhanden ist. Wir unterschätzen ihre Kultur oft. Ich finde es wichtig, das zu entdecken, denn dieser Teil gehört zu Europa. Gerade in dieser Situation des schrecklichen Krieges können wir uns von ihnen überraschen, was sie uns zu geben haben. Nicht immer sind sie es, die sie entwickeln müssen. Sie haben ihre Schätze. Sie haben uns sehr viel zu geben. Und im Bereich der Sakralkunst sie uns voran.

  

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