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Segen - ein existentielles Bedürfnis

Segen – ein existentielles Bedürfnis

 

Dieser Text entstand für den Workshop der Ikonenkünstlerinnen und Künstler im September 2025, der dem Thema "Segen" gewidmet ist.

 

Viele von uns wünschen einander zum Geburtstag oder bei einem Abschied „Viel Glück und Gottes Segen”. Dieser Doppelwunsch lebt von dem Wissen, dass ein gelingendes Leben nicht nur eine Frage des Glücks, sondern auch ein (unverdientes) Geschenk ist. Unsere menschliche Natur ist auf die Existenz und das Angewiesensein auf eine höhere Macht angelegt.

 

Segenshandlungen sind in allen Kirchen unverzichtbar. Ein Gottesdienst kann nicht einfach mit einem Abschiedsgruß oder einem guten Wunsch für die kommende Woche beendet werden. Dabei verwenden wir die uralte Formel des aaronitischen Segens, des Priestersegens aus der Tora: „Der HERR segne dich und behüte dich. Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig. Der HERR erhebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden.“

 

Im Neuen Testament sind Segenshandlungen nicht nur dem Priesteramt vorbehalten, sondern es ist die Aufgabe eines jeden Christen. Die Botschaft Jesu lehrt uns sogar, dass wir unsere Feinde segnen sollen. Das kann uns manchmal überfordern, etwa wenn wir an die Gräueltaten des gegenwärtigen Krieges denken, der durch den russischen Feind verursacht wurde. Muss oder kann ich da segnen? Hier sollten wir Ausnahmen zulassen, denn Ehrlichkeit ist auch vor Gott sehr wichtig.

 

Jesus segnete auch Kinder, die in der damaligen Zeit nicht als vollwertige Personen betrachtet wurden und die Jünger Jesu davon abhalten wollten.

 

Die Segenshandlung war stets mit einem Signum, einem Zeichen, verbunden. Das deutsche Wort „Segen” leitet sich davon ab. Seit dem 2. Jahrhundert ist die Segnung mit dem Kreuzeszeichen verbunden, oft auch mit Weihwasser oder bei Kranken mit Öl. Das Zeichen des Kreuzes, das für die Gnade Gottes, die Erlösung durch Christus steht, soll uns alle begleiten. Beim Betreten einer Kirche kann ich mich zur eigenen Segnung bekreuzigen und in vielen Kirchen Weihwasser verwenden.

 

Das Lateinische benutzt für den Segen das Wort „benedicare”: „bene” – gut, „dicere” – sagen, von jemandem gut reden, ihm das Gute wünschen. Das hebräische Wort „Baruch” leitet sich von „Knie” ab. Kniebeugung und Verneigung sind Zeichen des Respekts. Das hebräische Wort wird zum Attribut Gottes und beschreibt ihn als die Quelle des Segens. Nach hebräischem Verständnis segnet nicht nur Gott den Menschen, sondern der Mensch preist (segnet) auch Gott.

 

Der Segen Gottes begegnet uns zum ersten Mal in der Schöpfungsgeschichte: Gott segnet alle Tiere im Wasser, die Vögel und die Menschen. Die Bibel endet mit der Vision des vollkommenen Segens: einer Welt, in der es kein Leid und keinen Tod mehr gibt und alle Tränen weggewischt sind. Es wird nichts Verfluchtes mehr geben, die Blätter der Bäume des Lebens dienen zur Heilung der Völker. Gott wird über uns allen leuchten. Die Erlösten werden mit Gott regieren von Ewigkeit zu Ewigkeit (Offenbarung 22,1–5).

 

Die Sehnsucht nach Vollkommenheit, nach Erlösung und Segen ist in uns allen angelegt. Wer sich segnen lässt oder segnet, erfährt Segen. Wie dieser in unserer unvollkommenen Welt, in der wir oft leiden, wirkt, bleibt uns oft rätselhaft und verborgen. Doch manchmal sehen wir den Segen ganz deutlich. Wer darüber nachdenkt, wird sehr oft mehr davon entdecken, als er oder sie erwartet hat.

Segen – ein existentielles Bedürfnis

 

 

Max Hartmann, Pfarrer der Reformierten Kirche in der Schweiz

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