Ein merkwürdiger Traum – ein Momentum für die Schweiz? (13. Januar 2026).
Heute hatte ich einen langen und für mich sehr merkwürdigen Traum. Ich träume in letzter Zeit oft, meistens über eine längere Phase hinweg, in der es zwischendurch auch wieder ruhiger wird. Manche Träume sind eher albtraumartig und erschrecken mich. Ich beginne laut zu sprechen und wecke meine Frau auf, die dann manchmal längere Zeit braucht, um wieder einzuschlafen. Bei mir geht es jeweils schnell. Um diese Träume zu beenden, muss ich nur kurz aufstehen, etwas trinken und lesen.
In diesen Träumen spielen sich oft Geschichten aus meiner Kindheit und Jugend ab, die zu meiner langen depressiven Episode geführt haben. Sie zeigen mir, dass noch nicht alles geheilt ist, auch wenn es mir psychisch schon lange gut geht. Ich muss aber offen zugeben, dass ich nach wie vor Medikamente in geringer Dosierung als Schutz vor einem Rückfall brauche. Das Gespenst des Rückfalls ist nach wie vor in mir. Doch der heutige Traum war kein Albtraum, sondern durchaus schön und brachte mich zum Nachdenken über größere Zusammenhänge, nicht nur in meiner Lebensgeschichte, sondern ganz allgemein im Hinblick auf die Weltgeschichte. Er hat mich sehr erstaunt, weil ich über diese Zusammenhänge noch nie in dieser Weise nachgedacht habe, sie mir aber sehr bedeutend erscheinen.
Ich war in einer größeren Gruppe mit Pfarrkolleginnen und -kollegen. Es war der Beginn irgendeiner Weiterbildung. Wir befanden uns in einem bescheidenen Haus etwas außerhalb, aber in der Nähe des sogenannten „Dreiländerecks“ zwischen den Kantonen Aargau, Bern und Luzern. Nach dem Essen spazierten wir etwas herum und sahen uns die Umgebung an, die uns sehr überraschte, da sie eigentlich nicht als etwas Besonderes galt. Wir kamen an den Bereich der drei Grenzen, sahen die Grenzsteine und ich begann als Einziger, der aus dieser Gegend kommt, den anderen die Bedeutung zu erklären.
Das historische Momentum
Dies ist die westlichste Ecke des Kantons Aargau. Hier befindet sich auch der größte Wald des Kantons, der Boowald. Die Straße durch den Wald gilt als „Rennstrecke“ für gewisse Autofahrer. Sie hat drei Spitzkehren, die es herausfordernd machen, sie einmal wie ein Rennfahrer zu bewältigen. Entsprechend hoch ist die Unfallquote, es gab auch Tote, und die Polizei kontrolliert die Straße heute regelmäßig sehr streng.
An dieser Stelle treffen auch die Grenzen der Kantone Bern und Luzern aufeinander. Alle diese Grenzen haben eine besondere Geschichte und sind bis heute mit unterschiedlichen Prägungen im Dialekt, anderen Kulturen und Konfessionen verbunden. Früher waren alle diese Grenzen sehr scharf. In den letzten Jahrzehnten sind einige davon gefallen, doch die Mentalitäten ticken nach wie vor anders.
Der Kanton Luzern gehört zu den Urkantonen, ist katholisch geprägt und feiert entsprechend ausgiebig Karneval. In der Nähe des Grenzsteins befindet sich mit St. Urban eine der schönsten Klosteranlagen der Schweiz. Die Kirche ist vor allem bekannt für ihr großes, holzgeschnitztes Chorgestühl, das wohl das größte in der Schweiz ist.
Das Kloster wurde in den Wirren der Französischen Revolution zwangsweise aufgelöst, wie viele andere auch. Später wurde es als kantonale „Irrenanstalt“ genutzt, aus der die heutige „LUPS“ (Luzerner Psychiatrie) hervorging. Im stationären Rahmen behandeln und unterstützen wir Menschen mit psychischen Erkrankungen ab 18 Jahren bis ins hohe Alter. 363 Mitarbeitende aus den Bereichen ärztlicher Dienst, Pflege, Psychologie und weiteren Fachgebieten bieten Betroffenen ein umfassendes Behandlungsangebot.
Die LUPS liegt völlig entfernt vom Zentrum des Kantons. Man wollte die Patienten damals wohl vor der Öffentlichkeit verstecken. Zum Glück gibt es heute einige Busse, die von Luzern direkt zur Klinik fahren. Die Klinik hat heute einen guten Ruf. Früher war die Psychiatrie, wie überall in der Schweiz, durch Methoden wie Elektroschocks bekannt. Leute, die psychische Probleme hatten, galten als verrückt, und man drohte psychisch Kranken mit Einweisung in diese Irrenanstalt, aus der sie nie mehr herauskommen würden.
In einem alten Gebäude gibt es heute eine kleine Ausstellung über diese Geschichte. Früher waren die Stationen im riesigen Gebäude des Klosters verteilt. Es gab riesige Säle mit sehr vielen Erkrankten. Wer jemanden dort besuchen musste, schämte sich für seine Angehörigen. Heute befindet sich nur noch die Verwaltung in diesem Gebäude und es gibt Säle für Kunstausstellungen und Musikveranstaltungen. Die Kranken werden nun in neueren Gebäuden auf dem großen Gelände betreut. Außer einem Restaurant und einer Bäckerei gibt es in St. Urban nichts Besonderes. Der Ort ist heute nur ein Teil der Gemeinde Pfaffnau.
Im Grenzbereich zwischen den drei Kantonen gibt es ein Naturschutzgebiet und viele Kanäle, die angelegt wurden, um die Umgebung vor großen Überschwemmungen zu schützen. Insbesondere das Wasser aus dem Kanton Bern führte immer wieder zu größeren Katastrophen. Zwischen den benachbarten Kantonen Bern, Luzern und Aargau bestehen keine besonderen Beziehungen. Die Menschen dieser Orte orientieren sich an den Kantonen, zu denen sie gehören, und kennen deshalb unterschiedliche Gesetze und politische Kulturen.
Wie bereits gesagt, waren die Unterschiede früher sehr viel trennender, besonders aufgrund der Konfessionszugehörigkeit und der unterschiedlichen Geschichte dieser Kantone. Vor der Auflösung des Klosters war der Kanton Luzern Teil der Urkantone und sehr katholisch geprägt. Davon zeugen noch heute die vielen Kapellen und Bildstöcke. Die Reformation im 16. Jahrhundert führte in der Schweiz zu Religionskriegen, die erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts endeten, als die Schweiz allmählich zu einem modernen Nationalstaat wurde (mit vier unterschiedlichen Sprachen).
Der Kanton Bern war über mehrere Jahrhunderte hinweg ein Imperialstaat, der von einer kleinen adeligen Elite beherrscht wurde. Ihre Herrschaft reichte vom Genfersee bis in den Jura und den größten Teil des heutigen Kantons Aargau, der als „Berner Aargau“ bezeichnet wird. Alle diese Gebiete außerhalb des eigentlichen Staates Bern gehörten zur damaligen Schweizerischen Eidgenossenschaft und waren Untertanengebiete, die durch Vogteien verwaltet wurden. Die bernische Herrschaft war zwar milde, betrachtete ihre Untertanen aber dennoch nicht als gleichwertig. Wir Aargauer waren leicht zu beherrschende Untertanen, brave Leute. Deshalb sage ich heute, mit Blick auf unseren Kanton, der eigentlich künstlich entstanden ist: Wir tragen nach wie vor eine gewisse Untertanenmentalität in uns. Wir sind vor allem gute Schweizerinnen und Schweizer und nicht besonders stolz auf unsere aargauische Identität – falls es diese überhaupt gibt. Es entspricht aber auch der Wahrheit, dass im Berner Aargau die schönsten Bauernhöfe den Bernern gehörten, und das weit über die Gründung unseres Kantons hinaus. Die Berner Bauern galten als besonders tüchtig und erfolgreich. Die Bauernhöfe der Aargauer aus dieser Zeit wirken heute noch ärmlich, und die Aargauer waren auch weniger wohlhabend.
Wie hat sich das alles verändert? Ausschlaggebend war die Französische Revolution, die ganz Europa Ende des 18. und 19. Jahrhunderts veränderte. Damit begann die Zeit der Aufklärung und die Idee verbreitete sich, dass das Volk die Macht haben sollte – die Idee von „Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit“. Daraus entwickelte sich die heutige Demokratie mit ihrer liberalen Ordnung und den Menschenrechten. All dies sollte seinen Siegeszug antreten, zunächst verbunden mit dem europäischen Imperialismus, der diese Werte jedoch brach und seine Untertanen kolonialisierte und ausbeutete. Nach der Entstehung der modernen europäischen Nationalstaaten gab es viele Kriege, insbesondere den Ersten und Zweiten Weltkrieg.
Nach all diesen Kriegen wollte niemand mehr einen Krieg in Europa und die imperialistischen Nationalstaaten Europas lösten sich allmählich auf. Dies war auch verbunden mit Schuldbekenntnissen und weiterer Unterstützung der neuen, sehr armen Staaten in Form der heutigen europäischen Entwicklungshilfe sowie der Verbreitung der Ideen von Demokratie und Liberalismus – der europäischen Werte.
Wenn ich am Grenzstein der drei Kantone stehe, wird mir bewusst, wie sehr die Französische Revolution und die Idee der Aufklärung auch uns verändert haben. Die damaligen Grenzen fielen. Die unterschiedlichen Konfession wurden allmählich als gleichberechtigt anerkannt. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil in den 1960er Jahren wurden auch ökumenische Ehen möglich. Ein Berner konnte eine Luzernerin heiraten. Heute spielen diese Unterschiede überhaupt keine Rolle mehr. Seit Jahrzehnten spielen die Kirchen nur noch eine Nebenrolle. Religion ist bloß noch eine Privatangelegenheit. Die Leute sind säkular geworden und treten immer häufiger aus den Kirchen aus. Das ist eine Entwicklung in ganz Westeuropa.
Die Gründung des Kantons war übrigens die Folge des Überfalls Frankreichs durch Napoleon. Sie erfolgte sehr rasch am Ende des 18. Jahrhunderts. Napoleon besetzte die ganze Schweiz und gab ihr eine neue Ordnung mit neuen Kantonen, darunter Aargau. Die erste Verfassung des Kantons Aargau befindet sich heute noch in einem Archiv in Paris. Aarau wurde als erste Hauptstadt der Schweiz ernannt, allerdings nur für eine sehr kurze Zeit. Napoleon verlor seinen großen Feldzug in Europa, der bis vor die Tore Moskaus führte.
Die Schweiz war bald wieder frei. Der französische Überfall löste keinen großen Widerstand aus. Viele träumten auch bei uns von diesen Ideen: „Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit”. Der heutige Kanton Waadt trägt diese Worte bis heute auf seiner Flagge. Im Kanton Bern waren viele die Herrschaft des Adels leid. Der Kanton Aargau übernahm die Ideen der Revolution, schloss alle Klöster, enteignete sie und gab sich eine sehr säkulare Verfassung. Heute ist unser Kanton viel konservativer als der Schweizer Durchschnitt. Deshalb kennt der Kanton Aargau im Unterschied zu den meisten Deutschschweizer Kantonen nur Kirchensteuern von natürlichen und nicht von juristischen Personen.
Das gegenwärtige Momentum
Nachdem ich diesen Traum gehabt hatte, stand ich auf, war erstaunt darüber und las kurz einige Nachrichten auf dem Handy, unter anderem über die Ukraine, die USA und die aktuellen Entwicklungen im Iran.
Mir wurde bewusst, dass wir heute wieder in einer ähnlichen Situation sind, in der sich die Welt verändert.
Die bisherige Weltordnung bricht zusammen, die Idee der Aufklärung, der Demokratie und des Liberalismus sowie die Werte internationaler Vereinbarungen und der Menschenrechte sind bedroht.
Der entscheidende Tag war der 24. Februar 2024, der Überfall Russlands auf Europa, und die Entwicklungen zuvor, die schon bedrohlich waren, aber naiv übersehen wurden. Wir versuchten, Russland zu besänftigen und mit ihm zu verhandeln, um weitere Bedrohungen durch Russland zu vermeiden. Wir glaubten bis zuletzt daran, obwohl wir gewarnt wurden. Putin täuschte uns, zeigte meist nur sein freundliches Gesicht und erschien uns als vernünftig, sodass wir glaubten, er würde nicht weitergehen. Und wir waren uns der Situation der osteuropäischen Staaten und ihrer besonderen Geschichte im Zweiten Weltkrieg und danach kaum bewusst. Wir glaubten, dass mit dem Fall der Berliner Mauer und dem Zusammenbruch der Sowjetunion alle Probleme gelöst seien, und hofften auf ein neues, normales, demokratisches und freundliches Russland. Die Ukraine kannten wir kaum. Wir hörten eigentlich nur, dass es dort viele Probleme gibt.
Wir täuschten uns. Und auch heute sind wir uns gar nicht bewusst, dass wir an Grenzsteinen stehen. Nicht freundliche Grenzsteine, wie wir sie im Dreiländereck finden, sondern sehr unfreundliche, bedrohliche. Nicht nur Europa, sondern die ganze Welt verändert sich, an vorderster Front die USA unter Trump. Und auch wir sind davon betroffen, ob es uns lieb ist oder nicht. Die Schweiz ist keine kleine, friedliche Insel, weitab von der übrigen Welt. Wir sind mitten in Europa und sehr vernetzt mit der übrigen Welt.
Solange der Krieg jedoch nicht näherkommt, glauben wir, beschützt zu sein. Auch wir sehen Spaltungen in unserer Gesellschaft. Die Schweiz ist nach wie vor demokratisch und freiheitlich, sie besitzt eine sehr stabile Regierung und ein sehr gutes Rechtswesen. Doch auch bei uns werden die Extreme stärker, sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite des politischen Spektrums. Trotz unseres sehr hohen Wohlstands ist unsere Bevölkerung nicht einfach nur zufrieden und friedlich. Seit der Corona-Krise hat sich dies verstärkt. Auffällig ist, dass alle, die mit den damaligen, im Vergleich zu anderen Staaten sehr gemäßigten Maßnahmen unserer Regierung nicht einverstanden waren, Russland freundlich gegenüberstehen. Das allgemeine Klima verändert sich. Es gibt Themen, über die wir kaum miteinander sprechen können, da wir zu unterschiedliche Ansichten haben und Streit vermeiden möchten. Wir möchten in Harmonie leben. Doch wie lange noch? Auf der linken Seite sehe ich sehr viel Sympathie für Palästina, die durch den Überfall der Hamas am 7. Oktober 2022 und den darauffolgenden, für die gesamte Zivilbevölkerung in Israel, Gaza und dem Westjordanland äußerst schrecklichen Krieg noch verstärkt wurde.
Und wir sehen dieselbe Spaltung in der israelischen Gesellschaft. Die Politik Netanjahus unter dem Schutz Trumps. Der Glaube, ein Krieg könnte alle Probleme für immer lösen. Wir sehen die ständigen Demonstrationen gegen Israel und für Palästina. Der steigende Antisemitismus, auch bei uns. Der nötige Schutz jüdischer Einrichtungen. Eine zunehmende Verdächtigung alles Jüdischen. Auch bei uns werden diese Parolen geschrieben: „From the River to the Sea“ und „Nieder mit Israel“.
Doch kaum jemand demonstriert gegen Russland. Nur zu Beginn des umfassenden Angriffs Russlands auf die Ukraine gab es Demonstrationen. Wir schmückten unsere Häuser mit ukrainischen Flaggen, begrüßten ukrainische Flüchtlinge und zeigten ihnen unsere Sympathie. Doch der Krieg in Russland ist für die Mehrheit von uns nicht das große Thema. Uns interessieren die Zölle von Trump gegenüber der Schweiz. Die Sicherung unseres Wohlstandes. Die Sicherheit unserer Partylokale.
Doch genügt das alles? Sehen wir die Grenzsteine, an denen wir stehen? Oder erst, wenn diese zu Mauern geworden sind und die neue Weltordnung durch das Recht des Stärkeren unseren Wohlstand nicht mehr sichert?
Ich habe so viele Fragen. Wenn ich sie mir stelle, erinnere ich mich an das, was mir mein Pfarrkollege, der Priester Taras Baystar, im vergangenen Juni in Lwiw sagte, als wir gemeinsam darüber sprachen:
„Nichtsdestotrotz hegen wir die Hoffnung auf einen Sieg. Weil ich glaube, dass die Geschichte dieser Welt letztlich in Gottes Händen liegt, bitte ich Gott, dass er auch in den Verlauf dieses Krieges eingreift und ein Wunder geschieht, wie es uns in vielen Erzählungen der Bibel berichtet wird. Mir ist bewusst, dass dieses Thema in der heutigen Theologie ein sehr komplexes und umstrittenes Feld ist, das von sehr unterschiedlichen Interpretationsperspektiven geprägt ist.
Die ständig wiederkehrenden Kriege in der Geschichte der Menschheit sind für unsere Kirchen deshalb weiterhin eine große Herausforderung. In bestimmten Situationen helfen mir dann nur die Worte dieses kurzen Gebetes:
‚Mein Gott, du siehst, wie erschöpft
und müde ich bin
und wie sehr ich leide.
Bitte gib mir die Kraft, durchzuhalten.“

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