Die Einschätzung der Situation in der Ukraine im Hinblick auf die eigene Korruption ist sehr erschreckend, aber nicht hoffnungslos.
Bild: Danylo Movchan: Der Schmerz der Ukraine
1. Trotz meines Versuches, die Erfahrungen der Ukrainer zu verstehen, bin und bleibe ich westlich geprägt, insbesondere durch unsere schweizerische Prägung. Ich schätze diese Prägung als besonderes Privileg und bin von der humanitären Tradition unseres Landes überzeugt.
2. Ich habe die verbrecherische Mentalität im Regierungssystem unterschätzt. Ich glaubte, es hätte inzwischen einige bedeutsame Fortschritte durch den Druck der ukrainischen Zivilbevölkerung gegeben. Doch dieser Sumpf ist unglaublich tief. Die Mehrheit der Bevölkerung durchschaut ihn, misstraut der Staatsmacht und ist entsetzt. Dennoch bleibt sie passiv. Nur der „goldene Teil” unternimmt tatsächlich etwas: Er meldet Vorfälle, geht auf die Straße, demonstriert und kämpft mutig dagegen. Dieses „Gold“ bildet die Speerspitze einer tatsächlichen Entwicklung in eine bessere, europäische Zukunft. Ein Teil davon kämpft freiwillig in der Armee und opfert sein Leben. Andere unterstützen den Kampf im Inneren auf andere Weise, indem sie sich für ein gerechtes Justizwesen engagieren, zu dem die Polizei, die Strafanstalten und das gesamte Rekrutierungswesen gehören.
In diesem Zusammenhang fällt mir Myroslaw Marynowytsch ein. Er sieht seine Mission darin, als ethisch-moralische Stimme prophetisch zu warnen und zu mahnen, dass das ganze Land eine völlige ethisch-moralische Erneuerung auf der guten Grundlage der Zehn Gebote des Christentums braucht, damit es tatsächlich vorangehen kann. Dieser Prozess muss bei jedem einzelnen beginnen und bis an die Spitze des Staates reichen. Es ist ein langer und mühsamer Weg. Besonders wichtig ist eine gute fachliche und ethisch-moralische Erziehung der jungen Generation, die unterstützt und gefördert werden muss.
Auch die Kirchen spielen dabei eine sehr wichtige Rolle. Sie dürfen sich nicht nur um das „Seelenheil” der Menschen kümmern, sondern müssen mit guten sozialen Projekten selbst vorangehen. Gegenüber dem Staat müssen sie eine unabhängige, glaubwürdige Stimme bilden, die nicht einfach überhört werden kann. Diese Entwicklung sehe ich bei der griechisch-katholischen Kirche und den protestantischen Kirchen. Gerade ihr soziales Engagement hat ihnen in der Öffentlichkeit einige Anerkennung eingebracht.
Der „goldene Teil” kämpft nicht vergeblich: Einige Regierungsmitglieder mussten ihren Posten räumen und NABU sowie die Medien bleiben hartnäckig dran.
Besonders wichtig und für ihren Einsatz allgemein anerkannt sind die Soldatinnen und Soldaten in der Ukraine. Doch auch in ihnen gibt es diesen inneren Kampf: Es gibt Korruption und Fehlverhalten der Vorgesetzten in der Armee, Missbrauch, ungerechte Behandlung und eine fehlende Verantwortung für das Wohl der einzelnen Soldaten. Hinzu kommt das Rekrutierungswesen, das wichtig ist, um genügend Soldaten zu haben. Es rekrutiert jedoch mit Gewalt oder lässt sich bestechen, damit jemand nicht gehen muss, was in die eigene Tasche fließt. Das ist besonders schmerzhaft und führt zu großen Ungerechtigkeiten.
Die Folterung, die beispielsweise zum Tod eines Mannes geführt hat, ist ein unglaubliches Verbrechen. Sie muss den Behörden der EU und dem Strafgerichtshof für Menschenrechte gemeldet werden, damit die Verantwortlichen von außen unter Druck geraten und handeln müssen (diese Information habe ich von einer vertrauenswürdigen Quelle).
Ein riesiges Problem ist die Zwangsrekrutierung von Menschen, die aus Angst oder aus moralisch-ethischen Gründen nicht kämpfen wollen oder können. Es muss möglich sein, ein faires Verfahren zu gewährleisten, in dem sie ihre Überzeugung zeigen können und die Chance erhalten, vom Dienst in der Armee entlassen zu werden, um sich auf eine andere Weise zum Wohl ihres Landes zu engagieren. Ich denke dabei an den Zivildienst, wie er in den meisten europäischen Ländern und in der Schweiz praktiziert wird. Zivildienstleistende können beim Aufräumen von Trümmern helfen, Menschen unterstützen, die ihr Zuhause verlassen mussten, Kriegsverletzten bei der Rehabilitation helfen und vieles andere mehr. In der Schweiz mussten Zivildienstleistende zumeist 1,5-mal so viel Dienst leisten wie Armeeangehörige. Damit beweisen sie, dass sie sich nicht einfach zurücklehnen, sondern sich mit mehr Zeit für die Zivilgesellschaft einsetzen wollen.
Was die ukrainische Armee betrifft, lese ich verschiedene Dinge. Es gibt Brigaden, die bereits auf dem Niveau einer NATO-Armee arbeiten, auch auf der Leitungsebene. Dort werden die Soldaten gut versorgt. Besonders fallen mir hierbei die Brigade Charta (zu der auch Serhij Zhadan gehört) aus Charkiw und die Brigade Azow ein, in der Taras Dyatliks Bruder als Mediziner und Artem Dymdyd aus Lwiw kämpfen. Beide kommen in meinem neuen Buch vor. Die Mehrheit der Brigaden ist jedoch noch nicht so weit. Es werden immer wieder Fälle gemeldet, die nicht sein dürfen, und manchmal erfolgen auch Bestrafungen. Zudem desertieren unzählige Soldaten und verstecken sich, weil sie nicht kämpfen wollen oder können. Es ist ein offenes Problem, über das alle Bescheid wissen, aber niemand unternimmt etwas, um es zu lösen.
Was euren Verwandten betrifft, ist es sehr traurig, dass er gegen seinen Willen rekrutiert wurde. Es wurde nicht einmal dafür gesorgt, dass er anständig behandelt wird und nicht in der ersten oder zweiten Linie seinen Armeedienst tun muss, sondern in der sehr gefährlichen Zone. Diese Information stammt von derselben Quelle, der ich vertraue.
Leider erlaubt das Kriegsrecht in Verbindung mit dem Eintritt in die Armee nicht, dass dir die meisten deiner Rechte genommen werden. Eigentlich gäbe es auch Rechte in einer Armee, die eine faire Behandlung, eine gute Versorgung mit den nötigen Mitteln für eine gute Ernährung, Zeiten der Erholung, psychologische Unterstützung und Armeeseelsorge ermöglichen würden. Einiges davon existiert bereits, aber vieles funktioniert nicht.
Heute lässt sich ziemlich gut beobachten, wie die Situation an der Front aussieht. Vieles davon taucht sofort in den sozialen Medien auf und kann nicht versteckt werden. Das war in einem Krieg bisher nie möglich.
Mein letzter Punkt ist die NATO: Für mich ist es dieses russische Narrativ, das ständig verbreitet wird. Die Aufnahme osteuropäischer Länder in die NATO war ein Prozess, in dem sich die USA lange Zeit verweigert haben.
Für mich stellt sich die Frage, wie die Länder Osteuropas nach dem Zweiten Weltkrieg behandelt wurden. Sie hatten keine Möglichkeit zur Selbstbestimmung. Sie wurden von Nazi-Deutschland überfallen, dann von der Roten Armee befreit und anschließend in den sowjetischen Machtbereich unter der Führung des Kremls eingegliedert. Sie erlebten diese Zeit als sehr ungerecht, wodurch ihnen eine Entwicklung wie in Westeuropa verwehrt blieb, wo die Menschen frei leben und eine positive wirtschaftliche Entwicklung erleben konnten.
Diese Länder haben durch den Zweiten Weltkrieg und die Zeit danach die meiste Ungerechtigkeit erfahren. Sie wollten Teil Europas sein und einen neuen Staat mit einer blühenden Wirtschaft aufbauen. Sie sahen diese Chance nur in der EU und der NATO. Die NATO bedeutete und bedeutet für sie Sicherheit und die Gewährleistung, nicht mehr zum Einflussbereich Russlands zu gehören.
Für Russland war dies sehr schwer. Das Land verlor sein bisheriges Imperium und leidet bis heute unter Phantomschmerzen. Dennoch glaube ich, dass es ein großes, blühendes und freundliches Russland geben könnte, das geschätzt und anerkannt wird und eine freundliche Beziehung zu Europa und der ganzen Welt pflegen kann. Doch Russland führt Kriege und will seine alte Macht wiederherstellen – allerdings alles andere als freundlich. Es will der ganzen Welt erneut seine Überlegenheit zeigen – jedoch nicht auf freundschaftliche, sondern auf bedrohliche und gewalttätige Weise. Diese Tatsache zwingt uns, Stärke zu zeigen und Russland in seine Grenzen zu weisen.
Wir befinden uns deshalb in einer sehr wichtigen „Zeitenwende”, die leider nicht positiv ist, weil Russland uns dazu zwingt.
Das sind meine Gedanken dazu. Wir brauchen Klarheit in diesen Dingen. Ich unterstütze dich sehr darin, dass du zu dem „goldenen Teil” gehörst, der uns von ukrainischer Seite nach wie vor hoffen lässt. Ich möchte deshalb diesen „Sumpf” sehen, unter dem die Ukraine leidet.
Passt gut auf euch auf und haltet eure Kinder vom Krieg fern! (Dieser Satz stammt von Taras Dyatlik.)
Als Zugabe gibt es einen sehr wichtigen Artikel aus der Ukraine, der in aller Klarheit zeigt, dass diese sehr großen Probleme nicht verschwiegen, sondern in der Öffentlichkeit diskutiert werden. Die Medien spielen in dieser Sache eine sehr wichtige Rolle und dürfen offen berichten. Dies ist ein Hoffnungsschimmer.
Hello Dima,
Our conversation yesterday still resonating with me. I was already aware that you hold different opinions. Four things have become important to me in my reflection:
1. Despite my attempts to understand the experiences of Ukrainians, I am and remain Western-influenced, especially by our Swiss culture. I consider this a special privilege and am convinced of our country's humanitarian tradition.
2. I underestimated the criminal mentality in the government system. I believed that significant progress had been made thanks to pressure from the civilian population in Ukraine. But this swamp is incredibly deep. Most of the population sees through it, distrusts the state power, and is horrified. Nevertheless, they remain passive. Only the “golden part” is doing something, reporting incidents, taking to the streets and demonstrating, and fighting courageously against it. This “gold” is spearheading a real development towards a better, European future. Some of them volunteer to fight in the army and sacrifice their lives. Others support the struggle internally in other ways and are committed to a just justice system, including the police, prisons, and the entire recruitment system.
In this context, I am reminded of Myroslav Marynovych. He sees his mission as an ethical and moral voice, prophetically warning and admonishing that the whole country needs a complete ethical and moral renewal based on the Ten Commandments of Christianity in order to truly move forward. This process must begin with each individual and reach the top of the state. It is a long and arduous path. It is particularly important to provide the younger generation with a good professional and ethical-moral education, which must be supported and promoted.
The churches also play a very important role in this. They must not only care for the “salvation” of people, but must also take the lead with good social projects and form an independent, credible voice vis-à-vis the state that cannot simply be ignored. I see this movement in the Greek Catholic Church and the Protestant churches, and it is precisely their social commitment that has earned them some public recognition.
The “golden part” is not fighting in vain: people had to be dismissed from the government, and NABU and the media are persistently pursuing the issue.
The army in Ukraine is particularly important and recognized for its efforts. But even within the army, there is an internal struggle: there is corruption and misconduct among superiors, abuse, unfair treatment, and a lack of responsibility for the welfare of individual soldiers. Added to this is the recruitment system, which is important for ensuring that there are enough soldiers. However, it recruits by force or accepts bribes to allow someone to avoid serving, which goes into their own pockets. This is particularly painful and leads to great injustices.
The torture that led to this man's death is an unbelievable crime that must be reported to the EU authorities and the Criminal Court for Human Rights so that those responsible are also pressured from outside and forced to act.
A huge problem is the forced recruitment of people who do not want to or cannot fight out of fear or for moral and ethical reasons. It must be possible to guarantee a fair trial in which they can demonstrate their convictions and be given the opportunity to be discharged from military service and contribute to the welfare of their country in other ways.
I am thinking here of civilian service as practiced in most European countries, including Switzerland. They can help clear rubble, support people who have had to leave their homes, assist war wounded in rehabilitation, and much more. In Switzerland, those performing civilian service usually had to serve 1.5 times as long as members of the army. In doing so, they prove that they do not simply want to sit back and relax but are willing to devote more time to civil society.
As far as the Ukrainian army is concerned, I have read various things. There are brigades that already operate at the level of a NATO army, including at the command level. The soldiers there are well cared for. I am particularly reminded of the Charta Brigade (to which Serhiy Zhadan belongs) from Kharkiv and the Azov Brigade, in which Taras Dyatlik's brother fights as a medic and Artem Dymdyd from Lviv. Both appear in my new book. However, most brigades are not at this level. There are repeated reports of cases that should not happen, and sometimes punishments are met up with. In addition, countless soldiers desert and go hiding because they do not want to or cannot fight. It is an open problem that everyone knows about, but no one is doing anything to solve it.
As for your relative, it is very sad that he was recruited against his will. No one even made sure that he was treated decently and did not have to do his military service on the front line or second line, but in a very dangerous zone.
Unfortunately, martial law in conjunction with joining the army allows most of your rights to be taken away. There are also rights in the army that would allow for fair treatment, a good supply of the necessary resources for good nutrition, periods of rest, psychological support, and army chaplaincy. Some of this already exists, but much of it does not work.
Today, it is easy to observe what the situation is like at the front. Much of it immediately appears on social media and cannot be hidden. That has never been possible in a war before.
4. My last point is NATO: I really do have a different opinion from you on this issue. For me, it is this Russian narrative that is constantly being spread. The admission of Eastern European countries into NATO was a process that the US refused to accept for a long time.
For me, it is a question of how the countries of Eastern Europe were treated after the Second World War. They had no opportunity for self-determination. They were invaded by Nazi Germany, then liberated by the Red Army, and subsequently became part of the Soviet sphere of influence under the leadership of the Kremlin. They experienced this period as very unjust, which denied them the opportunity to develop as in Western Europe, where people were able to live freely and experience positive economic development.
These countries experienced the most injustice because of World War II and the period that followed. They wanted to be part of Europe and build a new state with a thriving economy. They saw this opportunity only in the EU and NATO. For them, NATO meant and still means security and the guarantee that they would no longer belong to Russia's sphere of influence.
This was very difficult for Russia. It lost its former empire and still suffers from phantom pains to this day. Nevertheless, I believe that there could be a large, prosperous, and friendly Russia that is valued and recognized and can maintain friendly relations with Europe and the whole world. But Russia is waging wars and wants to restore its former power—in a manner that is anything but friendly.
It wants to show the whole world its superiority once again, but not in a friendly way, but in a threatening and violent way. This fact forces us to show strength and put Russia in its place.
We are therefore in a very important “turning point” which, unfortunately, is not positive because Russia is forcing us into it.
Those are my thoughts on the matter. We need clarity on these issues. And I strongly support you in being part of the “golden part” that continues to give us hope from the Ukrainian side. I would therefore like to see this “swamp” that Ukraine is suffering from.
Take good care of yourself and your wife and keep your children away from the war!
Korruption während des Krieges
Bald werden wir neue Versuche sehen,
die Arbeit der NABU und der SAP zu diskreditieren
12. November 2025
Ein neuer Korruptionsskandal, der mit dem staatlichen Unternehmen „Energoatom” und dem engen Umfeld von Präsident Selenskyj zu tun hat, hat das Land ziemlich aufgewühlt. Das von den Ermittlern der NABU aufgedeckte System bestätigt die Vermutungen vieler Leute, dass die Korruption während des Krieges in der Ukraine nicht verschwunden ist. Im Gegenteil, sie hat neue Möglichkeiten bekommen und sich auf weitere Bereiche ausgebreitet. Und die Regierung, die eigentlich daran interessiert sein sollte, während der russischen Aggression jeden Cent so effizient und sinnvoll wie möglich einzusetzen, zieht es vor, das Problem zu verschweigen.
Außerdem versucht sie, alle zu diskreditieren und zu verfolgen, die es wagen, den korrupten Eliten die Stirn zu bieten.
Alles, was derzeit geschieht, widerspricht dem gesunden Menschenverstand und dem elementaren Überlebensinstinkt. Selbst in friedlichen, ruhigen Zeiten verursacht Korruption dem Staat zahlreiche Probleme. Nach Schätzungen von Analysten des IWF kostet Korruption die Ukraine jährlich 2 % ihres BIP-Wachstums. Aber während einer umfassenden Aggression muss für korrupte Machenschaften ein viel höherer und schrecklicherer Preis gezahlt werden. Korruption erhöht die Verluste unter den ukrainischen Verteidigern erheblich. Sie führt zu einem Mangel an Waffen und macht es oft unmöglich, neue Waffentypen zu entwickeln. Sie verhindert einen guten Schutz der Infrastruktur. Und sie ist einer der Hauptgründe für Spannungen und Spaltungen in der Gesellschaft. Um dem Angreifer erfolgreich entgegenzutreten, muss man effektiv, rational und einfallsreich sein.
Man muss auf Intelligenz, Professionalität und Patriotismus setzen. Leute sollten aufgrund ihrer Fähigkeiten und moralischen Prinzipien in Positionen gebracht werden. Jede Griwna sollte für ihren Zweck verwendet werden. Und man sollte null Toleranz gegenüber Korruptionsaffären in verschiedenen Bereichen zeigen. Aber das ist nur eine schöne Theorie. Die ukrainische Realität sieht anders aus.
Ein paar Faktoren machen Korruptionsschemata während des Krieges einfacher. Der Kriegszustand schränkt die Möglichkeit, die Regierung zu kontrollieren, stark ein. Eine aktive Zivilgesellschaft hat immer den falschen Kurs der ukrainischen politischen Elite korrigiert und sie zu Personalbereinigungen und sogar Verhaftungen unter ihren Verbündeten gezwungen. Krieg bedeutet auch riesige Geldsummen. Und es gibt immer Leute, die die Chance sehen, sich selbst zu bereichern.
Ein weiterer Risikofaktor ist die schlechte Qualität der ukrainischen politischen Elite. Die Ära der Monobestandsmehrheit macht politische Verantwortungslosigkeit möglich. Das Fehlen echter Konkurrenz macht oft faul und träge. Die Auswahl für hohe Posten passiert meistens nach Quoten oder persönlichen Beziehungen und nicht nach Leistung. Und die Arbeit der verschiedenen Strafverfolgungsbehörden hängt zu sehr von den Wünschen der Oberen ab. Am Ende verlieren sie ihre Eigenständigkeit und machen oft Sachen, die nicht zu ihnen gehören.
Angesichts der halbherzigen Reaktion der ukrainischen Behörden auf den Skandal bei „Energoatom” und auf die Videos von Timur Mindich ist schwer zu verstehen, was sie mehr empört – die korrupten Handlungen einer Gruppe hochrangiger Personen oder die Tatsache, dass sie von der NABU und der SAP veröffentlicht wurden. Einerseits hat Präsident Wolodymyr Selenskyj in seiner traditionellen Ansprache am 10. November betont, dass er die Arbeit der Korruptionsbekämpfer voll unterstützt. Er hat die Regierung aufgefordert, mit der NABU und der SAP zusammenzuarbeiten und die Ermittlungen nicht zu behindern. „Die Unumgänglichkeit der Bestrafung ist notwendig. „Energoatom“ liefert den größten Teil der Stromerzeugung in der Ukraine. Die Integrität des Unternehmens hat Priorität. Jeder, der an den Machenschaften beteiligt war, muss eine klare prozessuale Antwort erhalten. Es muss Urteile geben“, sagte Selenskyj.
Aber wie ernst ist diese Haltung der ukrainischen Regierung wirklich? Es gibt Anzeichen, die darauf hindeuten, dass sie weniger über die mögliche Geldwäsche von mindestens 100 Millionen Dollar genervt ist, sondern eher darüber, dass die Anti-Korruptionsbehörden sich getraut haben, diesen Fall zu untersuchen. Die Tatsache, dass der Hauptverdächtige und Miteigentümer des Studios „Kvartal 95“, Timur Mindich, wenige Stunden vor den Durchsuchungen unter den Bedingungen des Kriegsrechts heimlich ins Ausland gereist ist, spricht Bände. Es ist zweifelhaft, dass dies ohne die Unterstützung bestimmter hochrangiger Beamter geschehen ist.
Die weitere Reaktion der Behörden war ziemlich lasch und oberflächlich. Man hatte den Eindruck, dass man vor allem darauf setzte, Zeit zu gewinnen und nach Möglichkeiten zu suchen, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf etwas Wichtigeres zu lenken. Erst nach zwei Tagen schaffte es das Kabinett, einen der Beteiligten des Skandals, Justizminister Herman Galuschchenko, aus seinem Amt zu entfernen. Durch einen seltsamen Zufall sind auch der aktuelle Vorsitzende des Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrats, Rustem Umerow, und das Mitglied der Nationalen Kommission für die staatliche Regulierung im Bereich Energie und Kommunalwirtschaft (NKREKP), Sergej Pushkar, plötzlich ins Ausland gereist.
Und wie lässt sich erklären, dass eine Reihe von Telegram-Kanälen, die als regierungsnah gelten, dieses Top-Thema ignorieren? Bemerkenswert ist auch das Auftauchen von Informationen über mögliche Kompromittierungen der Leiter der NABU und der SAP. Und dann gibt es noch die ungeschickten Ausreden wie die allgegenwärtige Hand des Kremls. Angeblich applaudiert Russland jetzt unseren Kämpfern gegen die Korruption. In Wirklichkeit applaudiert Moskau aber dafür, dass es in der Ukraine sogar während des Krieges gelingt, zu stehlen. Das hilft dem Aggressor erheblich bei der Umsetzung seiner Eroberungspläne.
Wie werden sich die Ereignisse weiterentwickeln? Trotz der breiten öffentlichen Resonanz gibt es Gründe zu glauben, dass die Behörden die objektive Untersuchung des Falls von Timur Mindich und seinen Komplizen erheblich behindern werden. Die Realität in der Ukraine sieht so aus, dass Personen, die in große Korruptionsaffären verwickelt sind, oft ungestraft davonkommen. Im besten Fall werden sie einfach aus ihren Ämtern entlassen. Das ist einer der Gründe, warum sich die Beteiligten in den veröffentlichten Gesprächsfragmenten ziemlich selbstbewusst verhielten und sich demonstrativ nicht sonderlich um eine mögliche Reaktion der Strafverfolgungsbehörden kümmerten.
Wahrscheinlich werden wir bald neue Versuche sehen, die Arbeit der NABU und der SAP zu diskreditieren. Wie schon bei den Versuchen, die Unabhängigkeit der Antikorruptionsbehörden im Juli zu zerstören, könnten die Behörden wieder das „Moskauer Spuren”-Szenario starten. Und den entsprechenden Diensten den Befehl zum Angriff geben. Vor ein paar Monaten hat das aber nicht so gut geklappt. Umso weniger Grund gibt es zu glauben, dass solche Maßnahmen jetzt effektiv sein werden. Und auch die internationale Gemeinschaft, von der die Finanzierung des ukrainischen Haushaltsdefizits abhängt, wird nicht schweigen.
Unter diesen Umständen wäre es für die ukrainische Regierung am besten, einen Neustart der Regierung zu wagen und die Spielregeln zu ändern. Nicht, um ihre Beliebtheit und ihre Chancen bei den nächsten Wahlen zu retten, von denen niemand weiß, wann sie stattfinden werden. Sondern um das Land zu retten. Leider klingt das zu fantastisch und unrealistisch.
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