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Martin Buber: "Ich und Du"

 Ich und Du - Menschsein heisst, in Beziehungen zu leben

 

 

Eine der wichtigsten Schriften zum Wesen menschlicher Existenz hat der jüdische Gelehrte Martin Buber verfasst. Er wurde 1878 in Wien geboren, wuchs im galizischen Lemberg (heute Lviv, Ukraine) auf, und verstarb 1965 in Jerusalem.

 

»Ich muss es immer wieder sagen: Ich habe keine Lehre. Ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.«

 

Es gibt zwei Grundworte, die unser Menschsein auszeichnen: Das eine Grundwort ist Ich-Du. Das andere Ich-Es. Das erste Grundwort beschreibt die Beziehung von Person zu Person als beidseitig freie und selbstbestimmende Subjekte. Im zweiten Grundwort geht es um die Beziehung einer Person zu einer Sache, einem Ding. Sie sind für ihn Objekte, über die frei verfügen kann.

 

Es gibt kein Ich ohne ein Du oder ein Es. Menschsein bedeutet, in Beziehung zu anderen Subjekten und  Objekten zu stehen.

 

Buber geht noch weiter: In jeder Beziehung von Ich zu einem Du blicken wir in eine andere Sphäre, dem «Saum des ewigen Du». «In jedem Du reden wir das Ewige an.»

 

Jede wirkliche Beziehung hat zwei Seiten: Das Du wirkt an mir und ich wiederum wirke auf das Du ein. Schaffen ist Schöpfen. Erfinden ist Finden. Gestaltung ist Entdecken.

 

Beziehung ist Erwählt-Werden und Erwählen, Passion und Aktion. Wenn das Du mich mir zuwendet, dann macht er oder sie einen Schritt auf mich zu. Und ich meinerseits tue das ebenso, wenn ich mich auf Gegenüber einlasse.

 

Das bedeutet: Ich werde am Du. Und das Du wird an mir. Es geschieht etwas mit uns beiden. Alles wirkliche Leben ist Beziehung. Die unmittelbare Beziehung schliesst ein Wirken am Gegenüber ein.

 

Was denn? Gefühle werden «gehabt», die Liebe geschieht. Gefühle wohnen im Menschen. Der Mensch wohnt in seiner Liebe. Sie ist zwischen uns. Glaub an die schlichte Magie des Lebens.

 

Beziehung ist Gegenseitigkeit. Die Gefahr dabei ist, dass das Du für mich zum Ding wird. Es – mein Gegenüber zum Ding gemacht – kann geordnet werden, wird koordinierbar. Damit missbrauche ich aber mein Gegenüber für meinen Zweck, ich mache es zu meinem Objekt.

 

Ganz anders die echte Beziehung: Du sagst Du zu mir, du gibst dich mir. Es gibt «Du-Momente» - Episoden der echten Begegnung. Sie sind nicht immer da, das würde uns überfordern. Ohne Es kann der Mensch nicht leben.

 

Der Mensch ist ein Wesen mit Sprache. Welcher Geist zeigt sich darin? Dieser Geist existiert zwischen uns. Er ist wie die Luft, die wir atmen.

 

Der automatisierte Staat koppelt wesensfremde Bürger zusammen, ohne ein Miteinander zu stiften oder zu fördern. Er muss durch die Lebensgemeinde ersetzt werden, wo wir in lebendiger gegenseitiger Beziehung zueinander stehen.

 

Dafür steht die Ehe: Die Ehe wird sich nie aus etwas anderem erneuern: dass zwei Menschen einander das Du offenbaren. Das ist das metaphysische Faktum der Liebe, das von Liebesgefühlen nur begleitet wird.

 

Wahres öffentliches und wahres privates Leben sind zwei Gestalten der Verbundenheit.

 

Was ist der Sinn des Lebens? Du brauchst Gott und Gott braucht dich. Gott ist das Ursprüngliche und der Ursprüngliche. Die Beziehung zu ihm ist ein Entdecken, ist ein Abhängigkeitsgefühl.

 

Das Metaphysische, Gott: Gott aber, die ewige Gegenwärtige, lässt sich nicht haben. Wehe dem Besessenen, der Gott zu besitzen meint.

 

Was ist Offenbarung? Der Mensch tritt aus dem Moment der Begegnung nicht als der gleiche hervor, als der er in ihn eingetreten ist.

 

Wir machen auch das ewige Du immer wieder zum Es, zum Etwas, machen Gott zum Ding. Das entspricht unserem menschlichen Wesen. Der Mensch begehrt, Gott zu haben. So wird Gott zum Glaubensobjekt. Oder zum Kultobjekt.

 

Der Mensch kann der Beziehung zu Gott, deren er teilhaftig geworden ist, nur gerecht werden, wenn er nach seiner Kraft, nach dem Mass jeden Tages neu Gott in der Welt verwirklicht. Alle Offenbarung ist Berufung und Sendung. Im Ausgesandt-Sein bleibt Gott dir Gegenwart.

 

Die beiden metakosmischen Grundbewegungen der Welt sind: die Ausbreitung in die Eigenheit und die Umkehr der Verbundenheit. Ich werde, was ich bin, doch nicht losgelöst vom Du.

 

 Der Text fasst für mich das Wesentliche zusammen, worum es in meinem Leben geht. Ich bin nicht als Einsiedler geboren. Ich brauche Beziehungen: die Beziehung zu mir selbst, meinen Mitmenschen und Gott, dem ich alles verdanke.

 

Doch Beziehungen sind anspruchsvoll. Schon nur mit mir selbst zurechtzukommen, war und ist immer noch eine Herausforderungen: dass ich mich annehmen kann, wie ich bin, und gleichzeitig nicht immer derselbe bleibe, mich entwickeln bin zu einem erfüllten Leben und zur Reife. Das geschieht nicht, wenn ich mein Leben als Ego-Projekt wahrnehme. Es geschieht in der Beziehung zu meinen Mitmenschen und zu Gott. Es geht um echte Beziehung, wo wir einander echt begegnen. Dabei geschieht etwas mit beiden, wir werden dabei beschenkt. Doch so oft muss eingestehen: Ich lasse mich gar nicht auf eine Beziehung ein, ich mache mein Gegenüber zum Objekt meines Interesses oder meines Desinteresses. Ich will mich gar nicht auf eine Beziehung.

Unsere Zeit schreit nach Beziehungen. Und gleichzeitig weichen wir aus, wollen wir nicht wirklich auf das Gegenüber uns einlassen. Verbindliche Beziehungen erscheinen uns als schwierig. 

 

Wie viel bleibe ich meiner eigenen Frau schuldig, in dem ich zum Objekt mache, mich nicht wirklich auf sie einlasse? Was einfach tönt,  eine echte Beziehung im Geist der Liebe zu pflegen, ist anspruchsvoll, fordert mich heraus, mich echt einzulassen, mich preiszugeben, zu offenbaren. Will ich das? Und wenn ja, wenn es gelingt, ist es wohl immer auch ein Stück Gnade.

Wir sind seit dem 7. Oktober 32 Jahre als Paar unterwegs. Gerade in den letzten Jahren, der Zeit meiner Depression, war das ein grosse Herausforderung. Evi hat mich ausgehalten und mit durchgetragen. Dir gehört mein Dank. Und sei gewiss: Dein Mann ist noch nicht "fertig", er ist nach wie vor dran, zu lernen. Bis der Tod uns scheidet. 

 

 

 

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