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Unser Leben gleicht einer Schifffahrt

Unser Leben gleicht einer Schifffahrt

 

Immer wieder erlebe ich, dass mich im richtigen Moment die richtigen Worte finden.

 

Schon lange liegt im Badezimmer das Reclam-Büchlein: «Luther zum Vergnügen». Manchmal lese ich darin und mache es mir gemütlich zu einer etwas längeren «Sitzung».

 

So gestern. Wieder bin in einer unstabilen Phase. Es will noch nicht klappen mit dem Ende der gegenwärtigen depressiven Episode. Einige Mal schien ich nahe daran zu sein, doch dann kam erneut ein Rückschlag. «Hört das denn nie auf?» So meine bange Frage. Die Erfahrung lehrt, mich, dass es aufhört, aber diesmal ist es sehr hartnäckig.

 

Martin Luther schreibt:

 

«Unser Leben ist gleich einer Schifffahrt. So wie die Schiffleute nämlich den Hafen vor sich haben, auf den sie ihre Fahrt richten, so ist uns die Verheissung des ewigen Lebens geschehen, dass wir in derselben gleichwie in einem Hafen sanft und sicher ruhen sollen.

 

Weil aber das Schiff, in dem wir geführt werden, schwach ist und äusserst gefährliche Winde gegen uns anlaufen, so ist leicht einzusehen, dass wir eines sehr weisen Steuermanns bedürfen, der das Schiff mit seinem Rat so regiere und führe, dass es nicht an Steinklippen anstosse oder überhaupt untergehe.

 

Dieser unser Steuermann ist allein Gott, der das Schiff nicht nur erhalten will, sondern auch kann, auf dass es, ob es gleich von ungestümen Wellen hin und her geworfen wird, gleichwohl sicher und unversehrt in den Hafen kommen möge.

 

Er aber hat uns verheissen, dass er uns beistehen will, wenn wir ihn nur um Regierung und Hilfe bitten. Und solange wir diesen Schiffsherrn bei uns haben und behalten, so kommen wir aus aller Heftigkeit der Stürme und aus den Wogen sicher heraus.

 

Wenn aber die im Schiff in der grössten Gefahr den Steuermann mutwillig aus dem Schiff werfen, der sie doch durch seine Gegenwart und Rat erhalten könnte, muss in diesem Fall das Schiff verderben. Und man sieht deutlich, dass der Schiffbruch nicht durch die Schuld des Steuermannes, sondern aus Mutwillen und Unsinnigkeit derer, die im Schiff gewesen sind, geschehen ist.»

 

Das Leben – eine Schifffahrt. Der Witterung ausgesetzt. Manchmal gefährlich. Mein Boot. Zerbrechlich und klein auf dem Ozean der Wirren der Zeit. Wenn es gut läuft, habe es in Griff. Ich halte es für mein Recht, dass es mit gut ergeht. Ich dann oft ziellos unterwegs. Einfach so, ich lasse mich treiben. Wozu ein Gott? Ich brauche ihn nicht.

 

Luther spricht davon, dass die im Schiff den Steuermann in der grössten Gefahr aus dem Boot werfen. Sie vertrauen ihm nicht.

 

Ist es nicht eher so, dass wir schon, bevor der Sturm kommt, den Steuermann aus dem Boot geworfen haben? An Gott zu glauben mitten im Wohlstand fällt schwer.

 

Erst dann, wenn du gerüttelt und geschüttelt wirst, kommt der Bedarf. Nicht nach Gott, aber nach Hilfe. Und wenn schon Gott, dann fragst du: Warum lässt du das zu? Warum ich und nicht andere?

 

Im Unterschied zu Luther und seiner Zeit herrscht wenig Bewusstsein, dass gefährliche Winde und Stürme zum Leben gehören. Wir sind nicht vorbereitet und geübt auf den Ernstfall. Wir haben ein falsches Ideal vor den Augen. Das Ideal des guten und schönen Lebens. Für uns braucht es manchmal nur ein Windstoss, und es haut uns um.

 

Was haut dich gerade um? Wo hast du es, ganz ehrlich, nicht in Griff?

 

Gottvertrauen. Ein seltsamer Begriff in unserer Welt. Das tönt nach Fremdbestimmung. Selbstvertrauen, das ist es doch. Du bist der Lenker.

Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das ist das Gebot. Oft bleibt sogar nur die Selbstliebe. Auf den Nächsten ist zu wenig Verlass?

 

Und: Wie verlässlich ist eigentlich die Selbstliebe? Liebst du dich selbst, so wie du wirklich bist? Wirst du mit dir fertig? Oder macht dich dein Ich manchmal fertig, weil du nicht fertig wirst mir dir?

 

«Ruhelos ist unser Herz, bis es ruht in Dir.» Das wir die Erkenntnis von Augustinus. Erfolgreich war er, ein Lebemann. Er hatte das, was als «glückliches Leben» gesehen wird. Innerlich aber war er getrieben. Unruhig, keinen Frieden in sich.

 

Erst die Stürme seines Lebens liessen ihn finden, wonach er gesucht hat. Den Anker. Das Ziel. Den wahren Steuermann.

 

 

Unterwegs

 

Dein Leben

Du bist auf die Welt gesetzt

Gelandet im Hier und Jetzt

 

Unterwegs

Woher? Wohin? Wozu?

Was sagst du dazu?

 

Du bist auf die Welt gesetzt

Dein Leben

Eine Schifffahrt

 

Im Rücken der Wind

Die Sonne über dir

Das Leben ist schön

 

Du bist auf die Welt gesetzt

Gut so

 

Wolken kommen

Der Wind wechselt

Die Klippen sind sichtbar

 

Auch gut?

Es gilt weise zu sein

Nicht einfach ausgeliefert

Du kannst etwas tun

 

Du bist auf die Welt gesetzt

Ein Blitz schlägt vor dir ein

Ein Sturm braust daher

Ausgesetzt bist du

 

Nicht gut

Du kämpfst

Ohnmächtig

Schiffbruch vor dir


Damals die Jünger auf dem See

Allein in der Nacht im Boot

 

Plötzlich der Sturm

Die Angst

Den Tod vor den Augen

 

Allein lässt ER uns

Jetzt, wo wir ihn brauchen

Ist ER auf sicherem Boden

Fern von uns

ER müsste da sein

Gott-vergessen sind wir

 

Gott-vergessen?

Kann ER uns vergessen

Uns seine Geschöpfe?

 

Da

ER kommt

Ihnen entgegen

Im Sturm

 

Nicht vergessen sind sie

Nicht dem Untergang geweiht

 

Unterwegs

Weiter hin zum Ziel

 

 

Bild

Koptische Kirche in Kairo, unmittelbar am Nil. An diesen Ort soll die heilige Familie vor dem Mordbefehl von Herodes geflüchtet sein. Die Kirche hat zwei Bereich: Das Heilige, wo alle willkommen sind. Und das Allerheiligste, das nur besonders geweihten Personen, den Priestern und Diakonen zugänglich ist. Dort werden die Gaben des Abendmahls zubereitet, die dann zum Volk gebracht werden. Ein kleines Fenster ist geöffnet, in dem das Volk einen Einblick in das, was zuletzt sein wird, erhält. Es ist Christus zu sehen als das grosse A und O, der überall gegenwärtig ist, der war als nichts war, und der kommen wird in grosser Herrlichkeit. Darunter die Schar der Erlösten.

 

Die Weltgeschichte und unsere persönliche Lebensgeschichte ist nicht offen in ihrem Ausgang. Sie stehen im Zeichen des Sieges über alle Mächte und Gewalten, auch über den Tod. Der christliche Glaube lässt uns eine Perspektive finden, die wir nur durch Gott haben können. So steht auch das Neue Jahr unter der Verheissung «Matthäi am letzten»: «Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.» So gehört auch der Pandemie im Blick auf das kommende Jahr nicht die beherrschende Macht. 

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