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Zofinger Corona-Psalter

 Zofinger Corona-Psalter

 

Nun ist es ein Jahr her, seit der «Zofinger Corona-Psalter» erschienen ist. Er gehört zu den schönsten Erlebnissen, die ich zusammen mit der Evangelischen Allianz Zofingen machen durfte.

  

 Zu Beginn stand die Frage: Wie gestalten wir die Allianzgebetswoche unter den Bedingungen der Corona-Schutzmassnahmen, die Versammlungen mit nur wenigen Anwesenden möglich machen?     

   

 Zuvor las ich von der «St. Galler Corona-Bibel». Davon fasziniert entstand die Idee des «Zofinger Corona-Psalters». Was daraus entstanden ist, lässt mich staunen. Es wurde für alle Beteiligten zu einer speziellen Erfahrung. Viele sind dabei den Psalmen neu begegnet.

 

Es ist auch eine gedruckte Ausgabe entstanden, die nach wie vor bei mir erhältlich ist. Hier mein Vorwort:

 

 

Dein Wort ist meines Fusses Leuchte und ein Licht auf meinem Weg

 

Fast alles in diesem Buch ist von Hand geschrieben. Es geschah genauso, wie über Jahrhunderte Bücher entstanden und überliefert worden sind.

 

Wer von Hand schreibt, bewegt. In unserem Fall wird er auch bewegt von Gottes Wort und seinem Geist. Es ist eine inspirierende Erfahrung.

 

Schreiben ist eine taktile Fähigkeit. Es ist ein Wunder der Schöpfung, was unsere Hand vermag. Zudem ist es ein unverwechselbarer Ausdruck unserer selbst. Manchen fällt das Schreiben schwer. Es ist für sie ungewohnt oder sie sind darin eingeschränkt durch das zunehmende Alter oder eine Krankheit.   

 

Eine Person hat es nicht mit der eigenen Handschrift gewagt. Sie nutzte die kreativen Möglichkeiten moderner Schreibgeräte: Den Computer mit seinem Programm. Es erinnert an die beiden grossen Erfindungen, die das Schreiben und die Buchverbreitung erleichtert haben: Den Buchdruck und die digitale Revolution.

 

Bücher sind dadurch erschwinglich geworden. Wir leben in einer Zeit, wo wir in Bruchteilen von Sekunden Botschaften weltweit verbreiten können. Das ist ein Segen und manchmal auch ein Fluch. Zu vieles ist belanglos und unzuverlässig geworden.

 

Die Bibel, das «Buch der Bücher», hat eine grundlegend andere Qualität. Sie übersteht alle Zeiten. Obwohl sie aus einer anderen Zeit und anderen kulturellen Hintergründen kommt: Wer sie mit offenem Herz und einem wachen Geist liest, macht überraschende Entdeckungen. Es gibt Momente, wo die uralten Worte uns so ansprechen können, als seien sie jetzt und für uns geschrieben worden.

 

Wer regelmässig die Bibel liest und sie zu seinem täglichen Begleiter macht, wird zudem erfahren, dass das, was zunächst quer erschien, zu überraschenden Erlebnissen führt, die den eigenen Horizont erweitern.

 

Die Idee zum «Zofinger Corona-Psalter» wurde durch die Berichterstattung über das ökumenische Projekt «St. Galler Corona-Bibel» ausgelöst.  Von März bis Pfingsten 2020 schrieben über 950 Personen jeweils ein oder mehrere Kapitel der Bibel ab. Die Texte wurden illustriert und kommentiert. Inzwischen ist die ganze Bibel abgeschrieben und gescannt. 3811 Seiten kamen zusammen, die veröffentlicht worden sind. [1] Das Original liegt in der Stiftsbibliothek des Klosters St. Gallen. Es ist ein eindrückliches Zeichen der Hoffnung und Verbundenheit in einer schwierigen Zeit.

 

So viel würde bei uns kaum möglich sein in nur einer Woche vom 10. bis 16. Februar 2021. Doch wie wäre es mit den Psalmen?

 

Die Psalmen sind das Gebetsbuch der Bibel. Je älter ich werde, je bedeutsamer und heilsamer werden mir diese Worte.

 

Rainer Maria Rilke schreibt: «Ich habe die Nacht einsam hingebracht … und habe schliesslich die Psalmen gelesen, eines der wenigen Bücher, in dem man sich restlos unterbringt, mag man noch so zerstreut und ungeordnet und angefochten sein.»

 

Psalmen verleihen uns Worte, wenn es uns die Sprache verschlägt. Sie schenken uns Bilder, in denen wir ausdrücken können, wie es uns zumute ist.

 

Psalmen lassen uns so sein, wie wir sind. Wir sind nicht gezwungen, den Weg verkürzt zu nehmen von der Klage hin zum Lob.

 

Psalmen schenken uns Ausdruck für das, was in uns ist, wir noch nicht sagen oder noch nicht wahrnehmen können.

 

Psalmen machen aus dem, was wir erfahren, ein Gebet. Hier spiegelt sich ein wesentlich erweitertes Gebetsverständnis, als es oft vorherrscht. Indem wir Gott erzählen, was uns bewegt, bringen wir unsere Erfahrungen mit Gott in Verbindung.

 

Psalmen schaffen eine gewisse Distanz zu dem, was uns umtreibt. Sie bewahren uns davor, ganz in dem aufzugehen, was uns beschäftigt. Weil in den Gebetsworten Gott in den Blick kommt und wir uns nicht mehr nur um uns selbst drehen.

 

Psalmen durchbrechen das Gefühl, dass es nur uns so gehen würde. Sie zeigen: Vor vielen Jahrhunderten ist es Menschen ähnlich ergangen. Grundlegende Erfahrungen des Lebens, auch schreckliche Erfahrungen, kommen zur Sprache. Es verdichtet sich darin. Wir sind nicht allein mit dem, was wir erleben.

 

Psalmen helfen, wahrzunehmen, was in uns ist. Sie geben uns Raum, zu sein und zu werden wer wir in Gott sind. Es ergeben sich Perspektiven über uns selbst hinaus. [2]

 

Unser Projekt ist in dieser Zeit der behördlich verordneten Distanz zu einem Werk geworden, das uns über die Grenzen unterschiedlicher Kirchen und Gemeinschaften unabhängig von Alter, Nation und Bildungsstand verbindet.

 

Wo gerade so vieles zerfällt, was wir aufgebaut und für selbstverständlich hielten: Gottes Wort ist das Licht auf unserem Weg. In Gottes Hand steht unser Geschick. Er ist unsere Zuversicht.[3]

 

 

Eine der am Projekt beteiligten Personen hat eine eindrückliche Übertragung von Psalm 66 in ihre eigenen Worte gewagt.

 

Psalm 66

Ein Lied aus übervollem Herzen

über die Macht Gottes im Völkerleben

und in der persönlichen Lebensführung.

 

Ich preise dich herrlich.

Gespannt erwarte ich

die keimenden Samen.

Vogelgezwitscher

erfüllt mich am Morgen.

Zarte Mohnblumen im Wind

berühren meine Seele.

Tief atme ich den Duft

des würzigen Rosmarins

Ernte dankend

die Früchte des Herbstes.

Akrobatisch pieken Vögel

Samen aus den Nachtkerzen.

Der Frost vereist

vertrocknete Blütenstände

filigran zu Kunstwerken.

 

Ehrfürchtig

halte ich inne.

Spüre, atme, bin da

und staune

wie du, Gott,

alle Menschenkinder mit deiner Schöpfung beschenkst.

Wer sollte dieses Glück nicht erkennen?

 

Zu staunen ist es,

was du an den Menschenkindern tust.

Wo kein Weg sichtbar ist

gibst du meinen Füssen festen Boden.

Wo Rückzug die einzige Lösung scheint

schaffst du meiner Seele Raum.

Wo Undurchdringlichkeit herrscht

weitest du meine Augen.

Deine Augen haben acht auf die Völker.

Wohlwollend achtest du auf jeden Menschen.

Du unterscheidest nicht nach

Herkunft, Aussehen, Gewohnheiten, Vermögen, Status oder Fähigkeiten.

 

Ich lebe

Ich bin getragen, gehalten, geführt

in Bewegung

In Interaktion

mit, dazwischen, oben, unten.

Meine Gedanken haben sich verstrickt.

Ausweglos scheint jeder weitere Schritt.

Schuld, Scham, Wut, Enttäuschung lasten schwer.

Schmerz erdrückt mich.

Gedemütigt stehe ich da

nackt

schutzlos

Wo bleibt meine Würde?

 

Es brennt in mir.

Feuerglut verzehrt meine Glieder.

Ich kann kaum aufrecht stehen.

Rauch erstickt meine Seele.

Ich finde kaum Luft zum Atmen.

Überzeugungen verbrennen in den Flammen.

Welche geben mir neue Sicherheit?

Wasserströme lassen mich zerfliessen

reissen mich mit

Kein Halt, kein Boden, keine Richtung.

Du läuterst mich, wie man Silber läutert.

 

Am Nullpunkt

Richtungswechsel

Hingabe zum Leben

Neue Kraft durchströmt meine Glieder.

Leichtigkeit gewinnt Oberhand.

Befreite Gedanken fliessen

Liebe mehrt sich.

 

Dankbarkeit

Erfüllt mein ganzes Sein.

Ich gebe, was mir wertvoll war,

lasse los, was mir Stärke gab

verabschiede mich von unerfüllten Wünschen

versöhne mich mit dem

Gestern Heute und Morgen.

 

Ich will erzählen,

was Gott an meiner Seele getan hat.

Zutiefst bin ich berührt.

neuer Boden trägt mich

mein Herz ist voll

meine Augen jubelnd

meine Gedanken tanzen

mein Mund fliesst über.

 

Ich rief zu ihm.

Vor dir kann ich ehrlich sein

mein Verborgenes findet Platz

meinen Schmerz fängst du auf

du stösst mich nicht zurück.

Du prüfst meine Gedanken

Missgunst und Rache sind keine Lösung.

 

Gott hat erhört.

Du lässt mich nicht allein.

Ich werde gehört

wahrgenommen

das zeigt mir dein Wesen.

Mit uns

und gnädig

bist du.

Ich preise dich herrlich!

 

Mit fraulichen Worten

Véronique

 



[1] www.coronabibel.ch

[2] Siehe weiter dazu bei: Reiner Knieling: Kraftworte. Psalmen neu formuliert. Intensiv. Berührend. Lebensnah. Adeo-Verlag 2021

[3] Psalm 119,105 / Psalm 31,16 / Psalm 91,2

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