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Macht durch Fake News?

 

Macht durch Fake News?

 

Wie ergeht es eigentlich den Menschen in der Ukraine? Gestern habe Danilo Movchan in Lemberg/Lviv, ganz im Westen des Landes, gefragt.

Ich besitze eine Ikone, gemalt von seiner Frau Yaryna. Sie trägt den Titel "Struggle" und ziert als Titelbild mein Buch "Zurück zum Leben - Die Geschichte meiner Depression". Danilo antwortet nur kurz: "Wir versuchen, unsere Arbeit zu machen. Kampf um unseren kulturellen Raum."

 

Heute finde ich das Bild, das Danilo gemalt hat. Es zeigt das gemeinsame Haus Ukraine, das der Gewalt ausgesetzt ist, wo Blut vergossen wird und Menschen sterben. Das zeigt der Totenkopf. 

 

Das Bild sagt mehr als Tausend Worte. Ich friere, wenn ich vorstelle, dass das tatsächlich so ist.

 

 

"Macht durch Fake News?" Diesen Titel trägt die Schlussarbeit unserer Tochter Lea. Sie ist 2018 erschienen.

 

Das Thema war Desinformation als aussenpolitisches Instrument am Beispiel Russland. 

 

Der Begriff "Propaganda" geht auf das lateinische Wort "propagare" zurück, was sich mit "verbreiten", "ausdehnen" oder "fortpflanzen" übersetzen lässt.

Die Anwendung lässt sich bis ins Jahr 1622 zurückverfolgen, als in Rom durch Papst Gregor die "congregatio de propaganda fide", die Kongregation für die Verbreitung des Glaubens, gegründet wurde.

 

Unter Propaganda wird der bewusste Versuch verstanden, eine bestimmte Zielgruppe zu beeinflussen oder zu manipulieren, wobei die Medien eine zentrale Rolle spielen. 

 

Das 20. Jahrhundert ist unter anderem durch die Propaganda des Nationalsozialismus und des Kommunismus geprägt und hat zur Rechtfertigung von Krieg und von Diskriminierung bis hin zur Tötung von Millionen missliebiger Menschen geführt. 

 

Doch auch heute und in den letzten Jahren stark zunehmend ist Desinformation und Unterdrückung jeder Opposition verbreitet.

 

Lea hat das Thema am Beispiel des heutigen Russlands unter anderem in ihrem Verhältnis zur Ukraine behandelt. Wie aktuell das Thema nach wie vor ist, hat sie damals nicht gewusst.

 

Sie hat einen Begriff gewählt, der durch die Niederlage von Donald Trump allgemein bekannt geworden ist. Die Rede von der "gestohlenen Wahl". Trump hat die etablierten, ihm nicht freundlich gesinnten Medien der "Fake News" bezichtet. Seine Anhängerschaft will nach wie vor nicht akzeptieren, dass sie damit selbst "Fake News" verbreitet hat, die sogar zum Sturm des Kapitols geführt haben.

 

Die Verbreitung von Fake News wurde durch die "sozialen Medien" erleichtert und befeuert. Es gibt heute viele, die sich nur noch auf diesem Weg informieren. Sie landen dabei in Blasen, die sie für Wahrheit halten.

 

Bereits in der Phase rund um die Präsidentschaft Trumps war erneut der russische Geheimdienst mit seiner langen Tradition aktiv.

 

Wir dürfen nicht vergessen, dass Putin vor dem Zerbruch der Sowjetunion Mitglied des KGB war. Er ist in diesen Dingen wahrhaft ein Experte.

 

Ein neuer Bereich, in dem die Verbreitung von Fake News viral gegangen ist, ist die Krise, die die Ausbreitung von Covid-19 ausgelöst hat.

 

Eine solche für uns völlig unerwartete Krise löst Hilflosigkeit, Ängste und das Bedürfnis nach Erklärung aus. Es sind dabei Begriffe entstanden wie "Corona-Diktatur", der grosse "Reset", und teilweise äusserst abstruse Verschwörungstheorien.

 

Dabei standen Leute wie Bill Gates und Klaus Schwab im Fokus: Die Überzeugung, dass es eine Bande mächtiger Leute gibt, die uns mit den Massnahmen der Pandemie beherrschen wollen, uns eine neue Art der Impfung aufzwingen, und die damit eine Gefahr für die Menschheit sind. Nach wie vor gibt es solche, die glauben, dass die Impfung zu einem Massensterben führen wird.

 

Nicht selten sind diese Theorien antisemitisch gefärbt.

 

Die Verbreitung solcher Ansichten entstand durch ein durchaus berechtigtes Unbehagen gegenüber unseren Regierungen, der "classe politique", den Wissenschaften und der Pharmaindustrie.

 

Schon die Wahl von Donald Trump und dann besonders die Covid-Krise haben zu einer Spaltung in der Gesellschaft geführt, die nachhaltig ist und auch vor christlichen Kreisen nicht Halt macht.

 

Bei Donald Trump war seine Sympathie für Putin und für andere mächtige Männer offensichtlich. Es ist auffällig, dass sich diese Sympathie vor allem in Rechtskreisen auswirkt und stark verbunden ist mit dem Konsum von "alternativen Medien" statt der aus ihrer Sicht etablierten "Lügenpresse".

 

Wer sich mit einigen führenden Köpfen und Verschwörungstheorien beschäftigt, könnte auffallen, wie sie mit einer Sympathie für Putin verbunden sind. Oft werden Beiträge des russischen Staatssenders "rt deutsch" erwähnt und die damit verbundene "andere Sicht" verbreitet.

 

Es ist offensichtlich: Russland versucht die westliche Gesellschaft zu destabilisieren. Es ist nicht zu bestreiten, dass die USA und die EU ihre Probleme haben. Daran knüpft die Arbeit des russischen Geheimdienstes an und hilft wesentlich mit, Verunsicherung mit Fake News zu verbreiten.

 

Es stimmt nachdenklich, wenn ein an sich blitzgescheiter Verleger und Nationalrat ungeniert längere Interviews bei "rt deutsch" gibt und Putin als grossen Staatsmann bezeichnet ohne klare Kritik an dessen Unterdrückung der Opposition.

 

Das Wirken von Propaganda wird auch im Krieg dieser Tage offensichtlich.

 

Die Geschichte der Ukraine ist uns in der Regel wenig bekannt. Da haben es Ansichten wie: Die Ukraine gehört zu Russland, die Ukrainer sind gar kein eigenes Volk, leicht. Dies alles dient der Rechtfertigung des Krieges in einem Worst-Case-Szenarium.

 

Was in den letzten Jahren geschehen ist und die Macht durch Fake News zeigt, hat ihre heimlichen und unheimlichen Gründe. 

 

Putin ist ein Mann mit grosser Vision. Für ihn war der grösste Fehler der Geschichte der Zerbruch der Sowjetunion. Wir im Westen haben das gefeiert. Für ihn war es ein enormer Verlust. Aus der Sowjetunion als Grossmacht entstand das heutige Russland ohne die vormaligen Sowjetrepubliken. Damit wurde Russland in seiner Macht deutlich beschnitten. Zeitweise blieb nur noch eine Grossmacht zurück: die USA. Doch gegenwärtig entsteht eine neue Weltordnung. Nicht mehr die USA oder Europa stehen im Fokus, sondern das neue wieder selbstbewusste Russland und das deutlich aufgestrebte China unter dem gegenwärtigen Präsidenten.

 

 

Was bedeutet das für uns Christen?

 

Haben auch wir ein Leitbild, was "Macht" bedeutet?

 

Die Bibel spricht in diesem Zusammenhang deutlich. Da ist von Jesus die Rede als dem wahren Herrn, dem "A und O der Weltgeschichte": Der da ist, der da war und der da kommt.

 

Im Lobgesang von Maria, Lukas 1, ist von Mächtigen die Rede, die vom Thron stürzen. Es erinnert daran, wie viele Weltreiche zerfallen sind. Immer wieder gab und gibt es Herrscher, bisher immer männlich, die sich absolut gebären - und die vom Thron fallen.

 

Das bedeutet für uns Gelassenheit. Nicht Angst, sondern Gottvertrauen soll uns prägen.

 

Dennoch: Gottvertrauen ist anspruchsvoll. Das empfinde ich in diesen Tagen enorm, wenn ich die Nachrichten aus der Ukraine verfolge, und an Leute denke, die mir dort nahe sind. 

 

Meine Fragen sind unzählig. Muss das sein: Dieser Überfall und die Toten, die damit verbunden sind? In einem Land, das im 20. Jahrhundert zweifach überfallen wurde: Durch Hitler und Stalin. Und auf dessen Boden unzählige Massengräber mit Millionen von Opfern existieren. Kein Land in Europa ist dermassen traumatisiert. Dazu kam noch die Katastrophe von Tschernobyl.

 

Dies darf uns nicht kalt lassen.

 

Mir hilft in aller Hilflosigkeit ein Gebet, das der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche Deutschland, Bischof Heinrich Bedford-Strohm, formuliert hat:

 

Ewiger Gott,

 

vor Dich bringen wir an diesem Tag

unsere Fassungslosigkeit,

unsere Trauer und unseren Zorn.

Die diplomatischen Bemühungen,

auf die wir so gehofft hatten,

haben nicht zum Ziel geführt.

Die Sprache der brutalen Gewalt

gibt jetzt den Ton an.

 

Der Machthunger hat die Oberhand behalten

gegenüber der Vernunft.

Sei Du jetzt bei den Menschen in der Ukraine,

die durch die Gewalt der Waffen

in Not und Gefahr sind.

Lass sie spüren,

dass überall auf der Welt

Menschen für sie beten.

 

Sende Du Deinen Geist in die Herzen derer,

die verantwortlich sind für aggressive Gewalt.

Lass sie erkennen,

dass durch die Gewalt alle verlieren.

Öffne ihre Herzen,

dass sie sich anrühren lassen von dem Leid,

das ihre Gewalt verursacht.

 

Sei bei denen,

die jetzt politische Verantwortung tragen

und die richtigen Entscheidungen zu treffen haben.

Öffne Wege, der militärischen Gewalt

die Klarheit in der Verurteilung des Unrechts,

wirksame Gegenmaßnahmen

und eine Deeskalation der Gewalt entgegenzustellen.

 

In uns allen stärke das,

was die Basis unseres Lebens ist:

Stärke unseren Glauben.

Stärke unsere Hoffnung.

Stärke unsere Liebe.

Auf dich vertrauen wir – auch jetzt.

AMEN

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Kommentare: 2
  • #1

    Dijana Pranjic (Samstag, 26 Februar 2022 11:24)

    AMEN���♥️

  • #2

    Peter (Montag, 28 Februar 2022 08:57)

    Es ist unfassbar, was im 20igsten Jahrhundert durch machthungrige Menschen möglich ist. Wir können beten und hoffen, dass dieser Wahnsinn beendet wird auf eine Art, die uns Menschen zur Vernunft und zur Einigkeit bringt. Auf dass der von uns allen so sehnlichst erwartete Friede eintrete.